Richtlinien der Wahlreden verwirklichen. Die Regierung wird zur Ver
treterin der Gesamtheit. Die Vorschläge der Mehrheit, die durch die
verständige Kritik und die wirksame Opposition der Minorität modifi
ziert werden, verwandeln sich nach vorangegangener Diskussion in
Gesetze. Die Mehrheit bestimmt die Grundsätze und die Ziele der
Gesetzgebung, aber die Minorität hat ein gewichtiges Wort mitzu
reden, wenn es zu entscheiden gilt, wie weit die Prinzipien angewandt
werden sollen und wie nahe dem Ziele zu rücken sei. Als gesetzgebende
Macht ist die Mehrheit nicht für sich selbst tätig, sondern sie arbeitet
für die Gesellschaft. Wir lernen die Idee, die in diesem Argument
liegt, durch die Kritik der Anhänger des Proportionalwahlsystems
und der Individualisten im allgemeinen näher kennen. Sie behaupten,
daß nur ein rühriger Teil des Volkes und nicht das ganze Volk regiere.
Hierauf ist zu erwidern, daß die Stimmen der Mehrheit den allgemeinen
Willen anzeigen, daß aber die gewählten Vertreter der Majorität in ihren
Handlungen die Wünsche der Minorität zu berücksichtigen haben 1 .
Die Macht der Mehrheiten wird jedoch noch weiter beschränkt.
Sie können die Vernunft der Gemeinschaft nicht vergewaltigen. Dies
schließt Bedingungen verschiedener Art ein. Die Majorität muß zei
gen, daß sie ihre Entwürfe praktisch ausführen kann, auch dürfen
keine allzu heftigen Erschütterungen ihre geplanten Veränderungen
begleiten. Vor allen Dingen aber können Mehrheiten weder etwas
gegen die moralischen Anschauungen ihrer eigenen Parteigänger noch
gegen die einer bedeutenden Minderheit unternehmen. Nicht durch
Gewalt regiert eine Mehrheit, sondern sie muß das Land durch Über
zeugung gewinnen, sie muß sich auf die Gerechtigkeit stützen und
nicht auf die Macht. Eine politische Gewalt gewinnt nur Anerkennung,
wenn sie eine moralische ist.
Dies zeigt sich in den gesetzgebenden Handlungen einer jeden
Regierung. Wenn das Leben des Parlamentes wie in Großbritannien
verlängert wird, so mag die Minorität über Gebühr darunter leiden,
daß die Legislative die Fühlung mit der öffentlichen Meinung verliert.
Doch wesentlich ist, daß der Ausdruck „Mehrheitsherrschaft“ unter
ei ner demokratischen Regierung eine ungenaue Bezeichnung für die
1 Sie tun dies nicht immer bewußt, aber der Druck der öffentlichen Meinung
»acht sich bald bei den Regierungen geltend. Einer der offenkundigsten Irr-
tümer der modernen politischen Phraseologie ist die Anwendung des Wortes:
Kompromiß auf diesen Zustand der Dinge.
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