Full text : Sozialismus und Regierung

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regierende  Macht  ist.  Unter  dem  Repräsentationssystem  verwaltet
die  Regierung  trotz  gelegentlicher  entgegengesetzter  Erfahrung  nicht
die  Geschäfte  der  Mehrheit,  sondern  die  des  ganzen  Volkes.
Dies  ist  von  Leuten,  die  von  der  Demokratie  eine  individualistische
Auffassung  haben,  bezweifelt  worden.  Sie  betrachten  den  Staat  als
eine  bloße  Vereinigung  isolierter  Individuen,  die  alle  die  gleichen
politischen  Funktionen  erfüllen;  für  sie  sind  die  Mitglieder  der  Vertretungskörperschaften ­
  einfach  Diener,  die  den  Willen  der  Wähler
nach  Vorschrift  zu  vollstrecken  haben.  Biologisch  gedacht,  findet
sich  weder  in  der  Sprache  noch  in  den  Ideen  dieser  Kritiker  eine
Spur  vom  Begriffe  der  Staatsorganisation.  Nach  ihnen  ist  die  Wahl
eine  Umfrage  bei  den  Wählern.  Von  ihrem  Standpunkte  aus  ist  die
einzige  Aufgabe  der  Vertreter,  die  Meinung  anderer  möglichst  getreu
wiederzugeben  —  die  Abgeordneten  sollen  weniger  führen,  als  gewissermaßen ­
  ein  mechanisches  Sprachrohr  sein,  ein  Grammophon,  das  genau
die  Worte,  die  Modulation  und  den  Ton  der  Stimme  wiederholt.  Dies
harmoniert  sehr  schön  mit  dem  Ideale  Rousseaus,  doch  mit  dem
Sozialismus  hat  es  nichts  gemein.  Nur  wer  glaubt,  daß  der  Gesellschaftsvertrag
  dem  einzelnen  Bürger  seine  Freiheit  geraubt  und  die
Demokratie  die  Mission  habe,  den  Kontrakt  wieder  aufzuheben  und
dem  Menschen  seine  natürliche  Freiheit  zurückzugeben,  kann  hierin
eine  wohlbegründete  politische  Ansicht  erblicken.  Tatsächlich  gehört ­
  sie  eher  zu  dem  politischen  Ideenschatz  des  18.  als  zu  dem  des
20.  Jahrhunderts.
Der  sozialistische  Staat  ist  keine  Vereinigung  einzelner  Personen,
nach  Analogie  des  Steinhaufens,  sondern  ein  Körper,  der  sich  wie  ein
höherer  Organismus  in  Organe  und  Funktionen  differenziert.  Sein
Regierungsorgan  wird  nicht  von  getrennten  Abteilungen  von  Individuen ­
  kontrolliert,  vielmehr  empfängt  es  sein  Leben  und  seine  Ordnung
von  dem  allgemeinen  Leben  der  Gesellschaft.  Eine  Wahl  ist  keine
Umfrage  bei  den  Wählern,  sondern  ein  Urteil  des  Gemeinwesens  über
die  von  der  Regierungsgewalt  geleistete  oder  noch  zu  verrichtende
Arbeit.  Nicht  fremder  Leute  Meinung,  sondern  seine  eigene  bringt  der
Politiker  zum  Ausdruck.  Wähler  und  Abgeordnete  leiten  ihr  geistiges
Sein  und  ihre  sozialen  Ideen  aus  der  Gesellschaft  ab,  in  der  sie  leben,
und  deshalb  besteht  zwischen  ihnen  kein  Subordinationsverhältnis
des  Herrn  zum  Diener,  sondern  sie  regeln  ihre  Beziehungen  wie  Per ­
            
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