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begründet. Sie entscheiden über das Verhalten der Sozialisten zu
Maßnahmen, die bezwecken, das Leben des Gemeinwesens so voll
kommen wie möglich im Staate zu verkörpern. Wenn wir diese
Ansicht vom Staate und seinen Äußerungsweisen als Ausgangspunkt
wählen, so deucht es mich, daß eine ganze Serie politischer For
derungen, die sich im Punkte Demokratie auf individualistische An
schauungen stützen, von den Sozialisten fallen gelassen werden müssen,
da sie von der sozialistischen Betrachtungsweise des Staates und der
Regierung abweichen. Wie können wir mit der sozialistischen Auf
fassung z. B. die Forderung vereinigen, das repräsentative Regierungs
system durch ein Mandatarsystem, das verantwortliche Regierungs
system durch dasReferendum und die mitProgrammen und Grundsätzen
ausgefochtenen Wahlen durch die Initiative des Volkes zu verdrängen?
Weil sich der Abgeordnete gelegentlich zum Herrn aufwirft, sind
manche geneigt, dies sofort zu verallgemeinern; im Anschluß hieran
wird dann der Grundsatz aufgestellt, daß die Parlamentsmitglieder
bloße Bevollmächtigte sein sollen, die ihre Entschlüsse einer Volksab
stimmung unterwerfen müßten usw. Doch wären die Volksvertreter
wirklich nur Bevollmächtigte, so frage ich: wessen? Beauftragte der
ganzen Gemeinschaft können sie offenbar nicht sein, da in jedem
Wahlkreis eine Minorität vorhanden ist, noch können sie die Mandatare
ihrer Wähler sein; denn viele Fragen sind in den kurzlebigsten Parla
menten — selbst innerhalb einer Session — zu erledigen, deren Dring
lichkeit bei der Wahl nicht vorausgesehen werden konnte und wor
über die Abgeordneten keine Instruktionen erhalten haben 1 . Ferner
können sich die Kandidaten bei den Wahlen wohl über die allgemeinen
Prinzipien der Gesetzesvorlagen äußern, aber sie sind nicht in der
Lage, die Einzelheiten zu prüfen, die erst beim Erscheinen der Gesetz
entwürfe bekannt werden. Nun haben jedoch einige der heißesten
parlamentarischen Kämpfe gerade um das konkrete Detail getobt, und
es ist vollständig unmöglich, ein Verfahren zu ersinnen, das den ge
sunden Menschenverstand und das Gewissen berechtigte, die Ab
stimmungen der Abgeordneten in solchen Fällen als Entscheidungen
mus hin bewegt. Der konsequente Verteidiger des Klassenkampfes muß natür
lich diese Theorien zurückweisen, aber dann hat der Klassenkampf viel mehr
Berührungspunkte mit dem Radikalismus als mit dem Sozialismus. 1 Bei der
Betrachtung des Proportional-Wahlsystems wird dies von einem anderen Stand
punkt erörtert. Vgl. Kap. 3, Abt. IV.