Full text : Sozialismus und Regierung

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kristallisiert,  oder  sie  hat  die  ganze  Gesellschaft  durchdrungen.  In
beiden  Fällen  bedarf  sie  aber  zu  ihrer  Vertretung  keines  besonderen
Wahlkreises;  denn  sie  ist  in  der  Lage,  jedes  geltende  demokratische
Wahlsystem  in  ihren  Dienst  zu  stellen.
Parlamentarische  Vertretung  ist  die  Frucht  eifriger  Ideenpropaganda, ­
  nicht  etwa  ein  Recht,  das  für  die  Idee  einfach  auf  Grund  ihres
Daseins  reklamiert  werden  kann.  Das  große  Aufheben,  das  von  der
Minoritätenvertretung  gemacht  wird,  ist  meistens  ein  Popanz,  von
oberflächlichem  Denken  erzeugt 1 .
Eine  Schwierigkeit  entsteht  erst,  wenn  eine  Reihe  politischer  Anschauungen ­
  genügend  lebensfähig  geworden  ist,  sich  zu  organisieren,
wenn  eine  neue  politische  Partei  auf  die  Bühne  tritt.  Wirkt  die  Partei
durch  die  Vermittlung  der  bereits  bestehenden  politischen  Parteien,  so
ist  eine  besondere  Wahlbewegung  überflüssig.  Die  neue  Partei  verwandelt ­
  zwar  die  alten  Parteien,  trotzdem  sie  ihren  alten  Namen  konservieren, ­
  nimmt  jedoch  mit  ihren  Organisationen  keine  plötzlichen  Veränderungen ­
  vor.  Aber  wenn  die  neue  Partei  unabhängig  ist  und  nach
eigenen  Mandaten  strebt,  so  können  sich  mehr  als  zwei  Kandidaten
um  einen  Sitz  bewerben  mit  dem  Ergebnis,  daß  der  gewählte  Vertreter
nur  eine  Minderheit  der  Stimmen  erhalten  haben  mag 2 .  Wie  wirkt
dies  auf  die  Funktion  des  Repräsentativsystems?  Anscheinend  wird
es  dadurch  aufgehoben,  doch  die  Wahlstatistik  ist  sehr  verwickelt,
und  das  durch  den  Wahlkampf  von  drei  Parteien  aufgeworfene  Problem ­
  kann  nicht  im  Handumdrehen  gelöst  werden.
Unser  heutiges  System,  unter  dem  der  Kandidat  gewählt  ist,  der  die
meisten  Stimmen  erhalten  hat,  gleichgültig  ob  sie  die  Majorität  dar-1

  Eine  Form  ist  besonders  absurd.  Es  wird  behauptet,  daß  die  Tory-Minorität

von  Irland,  Wales  und  Schottland  nicht  vertreten  sei.  Aber  sie  ist  es  doch.  Sie
hat  keine  ihr  eigentümlichen  Eigenschaften.  Versetzte  man  ein  Tory-Mitglied  von
Birmingham  nach  Swansea,  so  modifizierte  es  seine  Haltung  im  Unterhaus
nicht  im  geringsten,  ausgenommen  insofern  es  lokale  Fragen,  die  abseits  der
Parteipolitik  liegen,  berühren.  Doch  die  örtlichen  Interessen  gehen  den  Liberalen ­
  genau  so  gut  an,  wie  den  Tory.  Dieser  Gedanke  der  lokalen  Repräsentation
des  allgemeinen  Willens  entspringt  einer  unklaren  Auffassung  von  der  Vertretung, ­
  die,  soweit  sie  überhaupt  rationell  ist,  davon  ausgeht,  daß  das  Individuum ­
  als  Person  und  nicht  als  Bürger  und  Teil  des  nationalen  Lebens  vertreten
werden  müßte.  Diese  Idee  ist  wohl  mit  den  unreifen  Vorstellungen,  die  der  Individualismus ­
  das  18.  und  19.  Jahrhundert  hatte,  vereinbar,  aber  mit  der  sozialistischen ­
  Gesellschaftsanschauung  ist  sie  unverträglich.  2  Als  Argument  für  eine
Reform  der  Wahlmaschinerie  fällt  dieser  Umstand  um  so  schwerer  ins  Gewicht,
sobald  behauptet  wird,  wie  es  gegenwärtig  geschieht,  daß  die  Kandidatenzersplitterung ­
  die  eine  alte  Partei  mehr  affiziere  als  die  andere.
            
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