Full text : Merck's Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe

Seide

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Seide

in  der  Zuidersee  (Holland),  einen  einträglichen
Erwerbszweig.  Das  nach  Stürmen  in  großen
Massen  ans  Land  geworfene  S.  wird  von  dem
beigemengten  Blasentang  gesondert,  mehrmals
gewaschen  und  an  der  Luft  getrocknet.  Kopenhagen, ­
  Hamburg,  Lübeck,  Stettin  und  Triest
liefern  es  in  zusammengepreßten  Ballen  von
ioo—150  kg.
Seide  (frz.  Soie,  engl.  Silk),  der  edelste  und
schönste  aller  Webstoffe,  besteht  aus  dem  Kokonfaden ­
  der  Seidenraupe,  mit  welchem  diese
sich  bei  der  Verpuppung  umspinnt.  Der  Maulbeerspinner ­
  (Bombyx  Mori)  und  seine  Futterpflanze, ­
  der  Maulbeerbaum,  stammen  aus
Asien  und  haben  sich  erst  um  SSO  n.  Ghr.  über
das  südliche  und  einen  Teil  des  mittleren  Europas
verbreitet.  —  Der  Seidenschmetterling  mißt  zwischen, ­
  den  ausgebreiteten  Flügeln  etwa  40  bis
50  mm,  erscheint  schmutzig  weiß,  mit  einigen
lederfarbenen  Linien  und  hat  auf  jedem  Vorderflügel ­
  einen  undeutlichen  halbmondförmigen
Fleck.  Das  Weibchen  legt  200—300,  oft  aber
mehr  als  500  bläuliche  Eier  (Grains),  die  sich
im  Kühlen  unter  18 0  lange  aufbewahren  und
weit  versenden  lassen,  während  sie  bei  einer
etwas  höheren  Temperatur  auskriechen.  Die  insgesamt ­
  50  g  wiegenden  Eier  von  300—360
Schmetterlingen  ergeben  40  000—60  000  kleine
schwärzliche  Räupchen,  die  binnen  4—3  Wochen
heranwachsen,  sich  viermal  häuten  und  eine
immer  wachsende  Freßlust  entwickeln.  Die  ausgewachsenen ­
  Raupen  sind  etwa  60  mm  lang,
schmutzig  weiß,  mit  einzelnen  dunkleren  Fleckchen ­
  und  haben  eine  glatte  Oberfläche  sowie  auf
dem  vorletzten  Hinterleibsringe  ein  Horn.  Sobald ­
  die  Raupen  kurz  vor  der  Verpuppung  unruhig ­
  werden,  gibt  man  ihnen  Gelegenheit,  zwischen ­
  aufgestelltem  Reisig  (Spinnhütten)  einen
Platz  zum  Einspinnen  zu  suchen,.  doch  spinnen
sich  viele  gleich  in  den  Maulbeerzweigen  ein,
auf  denen  sie  liegen  und  fressen.  Im  Körper
der  Raupe  befanden  sich  zwei  lange  Schläuche
mit  einem  gummiartigen  Saft,  den  die  ausgewachsene ­
  Raupe  aus  zwei  unter  dem  Munde
befindlichen  feinen  Öffnungen  hervortreibt  und
sogleich  zu  einem  einzigen  Faden  vereinigt.  Mit
dem  an  der  Luft  rasch  erhärtenden  Faden  bildet
die  Raupe  rund  um  sich  herum  zunächst  ein
lockeres,  grobes,  durchsichtiges  Netz  und  dann
innerhalb  desselben  in  7—8  Tagen  eine  dichte
ei-  oder  walzenförmige  Hülle,  den  Kokon  (frz.
Cocon,  engl.  Coccon),  deren  innerste  Schicht
ein  pergamentartiges  Häutchen  ist.  Die  Länge
des  einzigen,  die  ganze  Hülle  bildenden  Fadens
soll  3500—3700  m  betragen,  wovon  jedoch  für
die  Verarbeitung  zu  langer  S.  nur  etwa  300-—600,
selten  bis  900  m  zu  erlangen  sind.  Die  Kokons
besitzen  höchstens  die  Größe  eines  Taubeneies,
sind  aber  meist  kleiner.  Nur  die  weiblichen
haben  Eiform,  während  die  männlichen  in  der
Mitte  eine  Einschnürung  zeigen.  Die  Farbe  ist
meist  weiß  oder  hellgelb,  doch  auch  grünlich
und  rötlich.  Nach  2—3  Wochen  brechen  aus
den  Kokons  die  Schmetterlinge  hervor,  und  die
Geschlechter  suchen  sich  auf.  Ist  es  nicht  auf
Nachzucht,  sondern  auf  Seidengewinnung  abgesehen, ­
  so  verhindert  man  das  Auskriechen
durch  Tötung  des  eingeschlossenen  Tieres,  da  die
verlassenen  durchbissenen  Kokons  keinen  ganzen

Faden  mein*  geben  und  nur  als  Abfallseide
dienen  können.  Das  Töten  wird  entweder  durch
die  Hitze  eines  Backofens  oder  durch  heiße
Wasserdämpfe  bewirkt,  indem  man  die  Kokons
in  einem  Siebe  über  siedendes  Wasser  setzt,  oder
endlich  durch  Dämpfe  von  Terpentinöl,  Kampfer
und  brennendem  Schwefel.  Mit  dem  Abtöten  der
Kokons  ist  die  Tätigkeit  des  kleinen  Seidenzüchters ­
  beendet.  Die  folgende  Bearbeitung,  das
Abhaspeln,  ist  Sache  besonders  darauf  eingeübter
weiblicher  Hände  und  erfolgt  in  Frankreich  und
Italien  in  besonderen  Anstalten,  den  sog.  Eilanden. ­
  Die  hier  zu  bearbeitenden  Kokons
werden  nach  Farbe  und  Beschaffenheit,  die
festen  und  lockeren  für  sich,  getrennt,  fleckige,
doppelte  und  sonst  fehlerhafte  ausgeschieden.
Durch  Einlegen  in  heißes  Wasser  wird  der
natürliche  Leimüberzug,  mit  dem  die  Fadenwindungen ­
  aufeinander  kleben,  erweicht,  darauf
die  noch  anhängende  Flockwolle  durch  Schlagen
mit  Reisig  entfernt  und  der  Faden  von  drei  bis
acht  und  mehr  Kokons  zu  einem  einzigen  Faden
aufgehaspelt.  —  Die  auf  den  Haspeln  selbst
trocken  gewordenen  Strähne  bilden  die  Rohseide ­
  oder  Greze  (frz.  Gröge,  Gröye,  engl.
Raw  silk),  die  bereits  in  diesem  Zustande,  trotzdem ­
  der  Faden  hart  und  starr  ist,  verschiedene
Verwendung,  zu  Gaze,  Blonden  u.  dgl.,  findet.
Die  meiste  S.  wird  aber  durch  Kochen  in  Seifenwasser ­
  von  dem  leimigen  Überzüge,  der  den
Faden  einhüllt  und  auch  der  Träger  der  gelben
und  anderen  Färbungen  ist,  befreit  und  erscheint
rein  weiß.  Auch  sind  die  Fäden  durch  das
Kochen  (Entschälen  oder  Degummieren)
dünner,  geschmeidiger  und  glänzender  geworden.
Gewöhnlich  wird  die  S.  hierauf  noch  mit  Schwefeldämpfen ­
  gebleicht,  doch  ist  die  naturweiße  immer
besser,  besonders  zum  Färben.  Für  gewisse  Ge-,
webe,  die  etwas  steifer  und  glanzloser  sein  dürfen,
wird  die  S.  kürzere  Zeit  gekocht  und  heißt  dann
halbgekochte,  souplierte  oder  Soupleseide.
Bei  dem  nunmehr  folgenden  Zwirnen  (Filtrieren, ­
  Moulinieren)  entstehen  die  beiden  hauptsächlichen, ­
  Sorten  Organsin  (Ajanseide)  und
Trama  oder  Ketten-  und  Einschlagseide.  Die
erstere  wird  aus  der  besten  Rohseide,,  aus  gedrehten ­
  und  duplierten  Fäden  unter  fester  Drehung ­
  hergestellt.  Die  zweite  besteht  aus  ungedrehten ­
  Einzelfäden,  wird  auch  beim  Zwirnen
nur  schwach  gedreht  und  ist  daher  von  lockerer,
weicher  Beschaffenheit.  Andere  Sorten  sind
Nähseide,  Strickseide  und  Stickseide.  Der
Stärke-  oder  Feinheitsgrad  der  gezwirnten  S.
wird  durch  Nummern  angegeben,  deren  Bestimmung
  (Titrieren)  durch  Abmessen  einer  bestimmten ­
  Zahl  von  Stab  oder  Metern  und  Wägen
derselben  auf  einer  feinen  Wage  erfolgt.  Da  die
S.  aus  feuchter  Luft  rasch  Wasser  bis  zu  20  und
30  0/0  aufnimmt,  ohne  doch  feucht  zu  erscheinen,
wird  durch  besondere  Prüfungsämter,  sog.  Konditionierungs-
  oder  Trockenanstalten,  der
Wassergehalt  und  wahre  Handelswert  der  Ware
ermittelt.  Die  bei  der  Herstellung  der  eigentlichen, ­
  aus  langen  Kokonfäden  zusammengesetzten ­
  S.  entstehenden  Abfälle  werden  als  Florettoder ­
  Flockseide  (frz.  Fleuret,  Filoselle,  engl-Floret-silk)
  zusammengefaßt.  Die  beste  Sorte  der
Florettseide  kommt  von  Doppelkokons,  die  zweit®
von  den  bei  dem  Abhaspeln  übrigbleibenden
            
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