Seife
410
Seife
ätzende Alkalien (Kali- oder Natronlauge) und
Fette tierischen oder pflanzlichen Ursprungs in
Betracht. Beim Kochen der Fette mit den Alkalien
spalten sie Glyzerin ab, während die freiwerdende
Fettsäure sich mit der Base zu fettsaurem
Alkali (Seife) verbindet. Nach der Natur
des benutzten Alkalis unterscheidet man die
zwei großen Gruppen der weichen Kaliseifen
(Schmierseifen) und der harten Natronseifen.
Die Herstellung der Natronseifen erfolgt
in der Weise, daß man die Fette, mit der
berechneten Menge Natronlauge unter beständigem
Rühren auf freiem Feuer oder besser mit
direktem Dampf erhitzt, bis der Kesselinhalt sich
in eine dünne gallertartige Masse, den Seifenleim,
verwandelt hat, die beim Herausnehmen
zu Fäden ausgezogen werden kann („spinnt“).
Auf Zusatz von Kochsalz („Aussalzen“) trennt
sich die Masse in die nach oben steigende feste
krümlige S. und die unten stehende Unterlauge,
die zur Gewinnung des Glyzerins Verwendung
findet. Nach dem Ablassen der Unterlauge
wird die S. noch ein- oder mehrere Male
zu Leim aufgesotten, ausgesalzen und schließlich
mit reinem Wasser klargesotten. Die entstehende
zähe, plattenartige. Masse wird noch heiß auf
Formen gefüllt, große, zum Auseinandernehmen
eingerichtete Holzkästen mit Siebboden, durch
den die anhaftende Feuchtigkeit abläuft. Während
des langsamen Abkühlens bildet sich infolge
der vorhandenen Verunreinigungen ein feines,
bisweilen farbiges Geäder, die sog. Marmorierung
(Fluß, Faser), die als Zeichen der Güte
angesehen und daher vielfach durch Zusatz von
Braunstein, Bolus oder gefärbter S. nachgeahmt
wird. An Stelle der Ätznatronlauge verwendet
man neuerdings auch kohlensaures Natron zum
Verseifen und ersetzt dann das Fett durch die
freien Fettsäuren. Der nach dem einen oder
anderen Verfahren erhaltene Seifenblock wird
schließlich in Platten, Riegel und Stücke zerschnitten,
die als Kernseife in den Handel
kommen. Von den nach der Art des verarbeiteten
Fettes unterschiedenen Sorten der Kernseifen
wird die Talgkernseife wegen ihrer Reinheit
und ihres sparsamen Verbrauchs bei hoher
Reinigungskraft besonders geschätzt, doch sind
auch die unter Zusatz von Palmöl oder Palmkernöl
oder mit Palmöl allein hergestellten Kernseifen
wegen ihres leichten Schäumens sehr beliebt.
Marseiller S. ist eine ursprünglich aus
reinem Olivenöl, später aus Gemischen von
Olivenöl mit anderen Fetten hergestellte Kernseife.
Oberschalseife, eine hauptsächlich in
Berlin gebräuchliche Kernseife von besonders
rauher und gerippter Oberfläche, wird aus reinem
Palmöl oder, reinem Talg bereitet. Eine Unterabteilung
der reinen Kernseifen bilden die
Kernseifen auf Leimniederschlag oder abgesetzten
Kernseifen, bei denen nicht vollständig
ausgesalzen wird. Vielmehr sorgt man
bei ihrer Herstellung durch Anwendung ungenügender
Salzmengen oder eines Überschusses
von Lauge dafür, daß sich ein alle Verunreinigungen
enthaltender Leimniederschlag ausscheidet.
Sie werden stets unter Verwendung pflanzlicher
Öle (Palmkernöl, Kokosfett) hergestellt
und umfassen u. a. die Wachsseife und die mit
Zusatz von Harz bereiteten Oranienburger
und die reinen Harzkernseifen. Die Verwendung
des Harzes beruht auf seinem Gehalte
an freien Harzsäuren, deren Alkalisalze den fettsauren
Alkalien gleiches Verhalten zeigen. Zur
Erhöhung der Ausbeute werden die S. nach dem
Klarsieden noch häufig mit schwacher salzhaltiger
Lauge gekocht, „geschliffen“, wobei sie größere
Mengen Wasser aufnehmen, oder auch
mit billigeren Ersatzmitteln, wie Wasserglas und
Soda, oder für Waschzwecke völlig wertlosen
Stoffen, wie Talk und anderen Mineralpulvern
vermischt, „gefüllt“. Die geringwertigsten S.,
die sog. Leimseifen, werden ohne Aussalzen,
durch einfaches Erstarrenlassen des ganzen Kesselinhalts,
dargestellt und enthalten demnach die
gesamte Unterlauge. Sie vertragen, ohne an
Aussehen und Festigkeit einzubüßen, außerordentlich
hohe Zusätze von Soda, Wasserglas, Mehl,
Talk, Ton und anderen Füllmitteln und geben
demnach außerordentlich hohe Ausbeuten. Die
Güte der Erzeugnisse steht allerdings im umgekehrten
Verhältnis wie der Grad der Vermehrung.
Deite gibt als klassisches Beispiel
einer 8oo°/oigen Ausbeute folgende Vorschrift
an: 100 kg Kokosöl, So kg Natronlauge, 200 kg
Pottaschelösung, 300 kg Salzwasser, 60 kg Sodalösung.
schließlich nochmals 60 kg Salzwasser,
also 800kg Seife aus 100kg Fett! Ja, es sollen
12—löfache Leimseifen hergestellt werden, die
Deite geradezu als Schwindelseife bezeichnet.
Verhältnismäßig gute Erzeugnisse sind die Halbkern-
oder Eschweger Seifen, die stets unter
Zusatz von Palmkernöl oder Kokosfett hergestellt
werden, und zwar in der Weise, daß ein Teil
des Fettes zu Kernseife, und diese nach Zugabe
des Restes zu Leimseife versotten wird. — Im
Gegensatz zu den Natronseifen besitzen die mit
Plilfe von Kalilauge erhaltenen S. eine weiche
Konsistenz und bilden daher die sog. Schmierseifen.
Sie werden meist aus oleinreichen Ölen:
Tran, Hanföl, Leinöl, Rüböl, Baumwollsaatöl,
Erdnußöl, Sesamöl, Olein und Palmöl hergestellt
und sind, weil sie nicht ausgesalzen werden
können, als Leimseifen anzusprechen. Verwendet
man nur die genannten Öle, so erhält man
„transparente“, glatte Schmierseife, während
bei Zusatz von Talg und anderen harten Fetten
durch Auskristallisieren von stearinsaurem Kali
die Naturkornseif e entsteht. Zur Vortäuschung
dieser geschätzten Eigenschaft werden bisweilen
Körner von Kalk, Ton oder Stärke eingerührt
und so die Kunstkornseifen erzeugt. Silber-,
Schäl- oder glatte Elainseife nennt man
eine Schmierseife von weißer oder gelber Grundmasse
mit perlmutterartigem Schimmer. Eine
feste Kaliseife wird von den Lingnerwerken
in Dresden nach einem Geheimverfahren,
wahrscheinlich unter Verwendung von
Alkohol hergestellt und als Kavonseife bezeichnet.
— Die feineren Toiletteseifen sind
meist gewöhnliche Kern- oder selbst Leimseifen,
denen irgendeine künstliche Farbe und ein Parfüm,
bisweilen auch ein angeblich der Haut wohltätiger
Stoff, wie Milch, Mandelkleie, Glyzerin,
Galle, Bimsstein, ja selbst Eigelb
einverleibt wird. Ihr oft außerordentlich hoher
Preis hängt lediglich von der Art des zugesetzten
Riechstoffs und seiner Einverleibung ab. Bei gewöhnlicheren
Sorten wird das Parfüm der noch