316
Zweites Buch. Die Gegner.
nach in Deutschland und Frankreich zur Anwendung gelangen, als
Ausfluß der Ideen List’s angesprochen werden?
Anscheinend nicht. Keines der beiden Länder, und ebensowenig
die einem energischen Protektionismus treu gebliebenen Vereinigten
Staaten, hat es heute noch nötig, seine Industrie zu erziehen. Schon
seit langem haben sie jenen hoch entwickelten Zustand erreicht, der
nach List zur vollen Entfaltung ihrer Zivilisation und ihrer Macht
notwendig ist. Im besonderen stehen Deutschland und die Ver
einigten Staaten England in dieser Hinsicht nicht mehr nach. Ihre
Handels- und Kriegsflotten sind mächtig, und ihr Kolonialreich breitet
sich ständig aus. Wenn List heute wiederkehrte, würde er, der
mit solcher Entschiedenheit den relativen Wert der verschiedenen
Handelssysteme, die Notwendigkeit, sie den wechselnden Bedingungen
der Zeitläufte und der Völker anzupassen, betont hat, und der hohe
Zölle immer nur als vorübergehende Maßregel zuließ, wahrscheinlich
auf der Seite derer sein, die eine Erniedrigung der Zollschranken
gerade im Interesse einer freieren Ausdehnung der produktiven
Kräfte fordern. Hat er nicht selbst angekündigt, „daß nach Verlauf
einiger Jahrzehnte durch die Vervollkommnung der Transportmittel
die zivilisierten Nationen der Erde in Beziehung auf den materiellen
wie auf den geistigen Verkehr so eng oder noch enger unter sich
verbunden sein werden, wie vor einem Jahrhundert die verschiedenen
Grafschaften von England“ 1 )?
Die einschneidenden Veränderungen der wirtschaftlichen Lage,
die seit 60 Jahren eingetreten sind, gestatten heute nicht nur nicht
mehr, den Schutzzoll der großen handeltreibenden Nationen durch
die Notwendigkeit einer „industriellen Erziehung“ irgendwie zu
rechtfertigen, sondern die hauptsächlichsten Merkmale dieses Systems
stehen in Widerspruch mit den von List aufgestellten Grundregeln.
Weit davon entfernt, die Landwirtschaft ihrer natürlichen Entwick
lung zu überlassen, wie er es wollte, hat vielfach gerade der Schutz
der Landwirtschaft (unter anderem in Frankreich und in Deutschland)
als Vorwand gedient, den Zolltarif ganz allgemein zu erhöhen. Die
Konkurrenz des amerikanischen Getreides war im letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts die brutale Tatsache, die in Europa die Ver-
*) Nat. Syst. Ausg. Cotta, S. 190. Wir geben übrigens nicht vor, behaupten
zu wollen, daß zur Zeit List’s die Lage Deutschlands stärker als heute einen Schutz
zoll erheischte. Man kann dies bezweifeln, wenn man daran denkt, daß Chaptau
1819 von Sachsen sagte: „daß dieses Land sich durch seine Industrie in den ersten
Bang der Manufakturvölker Europas gestellt habe“ (De l’industrie frangaise,
Bd. I, S. 75) und von Preußen: „daß allein schon die Industrie Aachens und seiner
Umgebung genügen würde, um ein Volk auszuzeichnen“ (ebenda S. 76), und wenn
man sich endlich daran erinnert, daß der ganze Grund zu dem heutigen Wohlstand
Deutschlands unter einem höchst liberalen Eegierungssystem gelegt worden ist.