Frankreichs Bank und Finanzwirtschaft.
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bau und Weinbau, eine sorgsam gepflegte und kräftig ausgebaute Seiden
zucht, Fischfang usf. lassen die Bevölkerung rasch zum Wohlstände
gelangen, und die Sparsamkeit der Franzosen, die sprichwörtlich ge
worden ist, häufte die aus Naturreichtum und Arbeit erzielten Vermögens
überschüsse zu immer größeren Kapitalien an. Für sie mußte eine pro
duktive Verwendung gesucht werden. Aber die heimischen Industrien
und der heimische Handel waren nicht imstande, die reichen Geldmittel
vollständig aufzunehmen, um sie zinstragend in Arbeit wieder umzu
setzen. Beide litten an einem stark fühlbaren Mangel an Unternehmungs
und Arbeitslust und wiesen die Kapitalien auf andere, in fremde Länder
führende Wege. Hierauf stützten die Finanzmänner der Republik ihre
Geldpolitik, und in Verbindung mit den rein politischen Elementen
zielte die gemeinsame Richtung dahin, machtpolitische Pläne zu fördern,
für die Republik durch eine bereitwillige, leichte und allseitige Hingabe
gewaltiger Mengen von Kapitalien die Freundschaft der ihr genehmen
Staaten zu erlangen, um auf deren tatkräftige Hilfe in jeder Lage rechnen
zu können. Das Verständnis dieser Tatsachen für die Vergangenheit,
gegenwärtige Lage und zukünftige Entwicklung der französischen Finanz
wirtschaft wird durch eine 'eingehendere Erörterung des wirtschafts
politischen Problems an Klarheit gewinnen. Um von vornherein jeden
Anschein der Parteilichkeit oder gewollten Beeinflussung des Endergeb
nisses dieser Betrachtung zu vermeiden, möge sie in ihrem grundsätz
lichen Aufbau nur auf Äußerungen französischer Handels-, Gewerbe-
und Industrietreibender gestellt werden, die von den letzteren in einer
Enquete der Zeitschrift „R evue Financiere Universell e“ 1 )
gemacht wurden und von Arndt einer kritischen Prüfung und Dar
stellung unterzogen worden sind * 2 ).
Aus den Antworten der Befragten entnimmt Arndt zunächst die
Bestätigung, daß die Großunternehmen mit reichlichen Kapitalien ver
sorgt waren, und daß der Mangel an Kredit bei den mittleren und
kleinen Betrieben auf wenige Millionen beschränkt war, der natürlich
im Vergleich zu den Riesensummen, die ins Ausland flössen, gar nicht
ins Gewicht fallen könne. Also das Angebot an Kapitalien war demnach
vorhanden, es fehlte nur die Nachfrage. Bei näherer Prüfung der Enquete
nach dieser Richtung hin, ist zu erkennen, daß die Ursachen des offen
sichtlichen und auffallend geringen Grades in der Kapitalnachfrage
in erster Linie im Fehlen an Unternehmungslust des französischen Wirt
schaftlers und Kaufmanns zu suchen ist. Kleinmütige Ängstlichkeit
und allzu vorsorgliche Sorgsamkeit treten in allen Antworten immer
wieder hervor. Der französische Unternehmer will in seinen Geschäften
immer ganz sicher gehen und wagt nicht gern, irgendein Werk zu be
ginnen, das mit einem Risiko verbunden ist. Das Ideal ist höchste Spar
samkeit, um in Zeiten des Alters ruhig und mit Beschaulichkeit sein
J ) Siehe Revue Universelle, 1913, Februar-August.
2 ) Vgl. Arndt, Weltwirtschaftliches Archiv 1916, Januar-Heft, dessen Ausfüh
rungen im wesentlichen hier gefolgt wird.