Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
lichen Urteils. Das wissenschaftliche Urteil geht über den 
Einzelnen hinweg, sucht das mehreren Einzelnen Gemeinsame, 
faßt dieses in einen Begriff, stellt das gegenseitige Verhältnis 
der zahlreichen, auf diese Weise gewonnenen Begriffe zu einander 
fest und steigt auf diesem Wege vom Individuum auf zur Er⸗ 
kenntnis der allgemeinen, in den Individuen verlaufenden 
Strömungen. 
Freilich: lassen sich diese Strömungen, selbst wenn sie 
nicht singulär sind, sondern sich ihrem innersten Wesen nach 
in den Vorgängen parallel laufender nationaler Entwicklungen 
wiederholen, so daß das ihnen Gemeinsame als Grundtendenz 
und tiefste Regel vergleichend festgestellt werden kann: — lassen 
sie sich genau darstellen? Es ist dasselbe Problem, das sich, 
nur in viel einfacheren Formen, in der Mechanik ergiebt, wenn 
es darauf ankommt, den Verlauf einer Bewegung in dem 
ganzen Charakter ihres kontinuierlichen Zusammenhanges zu 
beschreiben. Schon das ist bekanntlich nicht möglich. An Stelle 
des kontinuierlichen Zusammenhanges gelingt es nur, die ein— 
zelnen, wenn auch minimal voneinander entfernten Momente 
der Bewegung zu erfassen und zu beschreiben: die Bewegung 
wird in einzelne Beharrungszustände zerlegt und deren gegen⸗ 
seitiges Verhältnis zu einander vergleichsweise festgestellt. Um 
wie viel schwerer ist es da, das Kontinuierliche eines großen 
geschichtlichen Verlaufes, z. B. etwa der Bewegung des Im— 
pressionismus, darzustellen! Auch hier bleibt nichts übrig, als 
den ununterbrochen flutenden Zusammenhang in Einzelmomente 
leisesten gradmäßigen Fortschreitens aufzulösen und so zu zeigen, 
wie die Entwicklung von dem einen, an sich im Verhältnis 
zur Gesamtentwicklung auch bloß graduellen, polaren Gegensatz, 
z. B. von den ersten ganz naturalistischen Anfängen des 
physiologischen Impressionismus, zu dem anderen polaren 
Ende, z. B. zu den jüngsten Erscheinungen des idealistischen 
psychologischen Impressionismus, fortschreitet. Wie aber sollen 
die unendlich feinen Übergänge, die zwischen diesen polaren 
Gegensätzen liegen, nun sämtlich klar beschrieben und an— 
schaulich greifbar gemacht werden? Es versuchen hieße das Leben
	        
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