Full text: Abriss einer Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren

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zustand des Nebeneinanderlebens der Menschen auch nur den ge 
ringsten Fortschritt gemacht haben, kann kein Gewerbe ohne eine 
Anzahl von Werkzeugen und eine Menge von Lebensmitteln, die den 
Arbeiter bis zur Fertigstellung des Produktes seiner Arbeit zu unter 
halten haben, in Angriff genommen werden. Hiermit kann man sich 
ohne weiteres einverstanden erklären, wenn es auch nur die eine 
Gattung des Kapitals, das sogenannte „umlaufende“ ist, welches diese 
Aufgabe zu erfüllen hat. 
Nun kommt aber die von jeder Abhandlung über das Kapital 
untrennbare Lehre vom Zins, die natürlich, da ja Turgot die Pro 
duktivität des Kapitals verneint, ganz andere Resultate ergeben muß, 
als sie heute allgemein anerkannt sind. Auf verschiedene Art und 
Weise, so heißt es in den §§ 59—75 der „Betrachtungen“, kann 
man Kapital — ob hier Kapital im eigentlichen Sinne gemeint ist 
oder Geld, läßt sich nicht recht erkennen, nach § 59 und 71 setzt 
er beides gleich — nutzbringend anlegen. 
Erstens: man kauft sich dafür ein Grundstück J ), welches in Ge 
stalt der Bodenfrüchte eine jährliche Rente liefert. Zweitens: man 
kann es in gewerblichen oder industriellen Unternehmungen anlegen * 2 ) 
(ich lasse che landwirtschaftlichen Unternehmungen, die in diesem Zu 
sammenhänge ebenfalls angeführt sind, um der klaren Gegenüber 
stellung willen fort). Diese letztere Kapitalsanlage muß ihm genau 
soviel einbringen, als wenn er sich für dasselbe Geld ein Grundstück 
gekauft hätte, denn kein Mensch wird so töricht sein, bemerkt Tur 
got ganz richtig, ein Kapital nicht so anzulegen, daß es die größt 
möglichsten Erträge bringt. Man beachte nun die Inkonsequenz, die 
in dieser Behauptung liegt: bei Kapitalsanlage I wirken zwei Pro 
duktionsfaktoren zusammen: Grund und Boden und eine gewisse 
Summe menschlicher Arbeit, sie bringen im Laufe eines Jahres Güter 
im Werte von x hervor. Bei Anlage II wirkt ebenfalls zweierlei 
zusammen: dieselbe Summe Arbeit und das nichtproduktive Kapital, 
und sie bringen ebenfalls Güter im Werte von x hervor. Die ein 
fachste Regeldetrie ergibt doch bei den beiden Gleichungen 
x-y = z 
a • y = z 
daß x gleich a sein muß, daß also Kapital genau so produktiv sein 
muß, als Grund und Boden. Turgot unterläßt es aber, diesen letzten 
*) Turgot, a. a. 0., § 59 (S. 40). 
2 ) Ders., a. a. 0., § 60 (S. 41).
	        
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