Ackerbau
Auswan
derung
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der Kastanie wechseln in bunter Mischung Reben
und Pfirsichbäume, zu denen sich im südlichen Tessin
auch die Maulbeerbäume gesellen. Der Weinstock
klettert an Mauern und Bäumen empor oder kriecht
über das Sparrenwerk von Laubengängen hinweg.
Im Schatten der Rebe wird in den Weinbergen
Gemüse, wohl auch Mais gebaut. In den Talsohlen
des südlichen Tessins breiten sich die Maisfeldcr
aus, die den Landesbewohnern die Nationalspeise,
die „polenta“, liefern. Ueberall hat der Wald stark
unter Verwüstung gelitten! das vermehrt die Wild
bachgefahr. Im südlichen Tessin sind die Gehänge
weithin mit Buschwald verkleidet. Auf den Höhen
wandert man stundenlang durch bunt gemischtes
Niederholz von Kastanien, Eichen und Haselbüschen,
das erst am Fuß des Berges von hochstämmigen,
knorrigen Kastanienbäumen abgelöst wird. Der
Buschwald überzieht die Berge mit einem sammet
artigen, grünen Schimmer, der die zahllosen Was
serrinnen der Gehänge und die Bergumrisse mit
aller Schärfe zeichnet, während der Hochwald als
dicker Mantel die Formen des Untergrundes
verhüllt.
Beim Vorwiegen steiler Halden und eines stark
zerstückelten Bodens ist der Ackerbau erschwert; er
gehört fast ausschließlich in den südlichen, tiefer
liegenden Kantonsteil. Während in der Ebene der
Mais in ganzen Feldern reist, können am ter-
rassierten Steilhang nur schmale, ausgemauerte und
schwer zugängliche Riemen bebaut werden. Vielfach
liegt der Ackerbau den Frauen und Kindern ob,
da die Männer scharenweise als Bauarbeiter nach
den Bauplätzen der Nordschweiz wandern und nur
wenige Wintermonate bei ihrer Familie zubringen.
Daneben besteht eine eigentliche Auswanderung; die
Tessiner ziehen als Südfrüchtehändler über die Al
pen, oder sie suchen in Argentinien eine neue Heimat.