Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  I.  Gewerkvercine

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ihnen  die  Hand  zur  Hilfe  zu  bieten.  Nachdem  wir  ungefähr  100  Adreffen  erhalten ­
  hatten,  machten  wir  uns  nach  dem  Norden  auf.  Wir  hatten  Karten
mit  folgender  Überfchrift  drucken  laffen:  „Herzliche  Einladung  zu  einem  gemütlichen ­
  Beifammenfein  für  Heimarbeiterinnen  ufw.“  Durch  Abgabe  diefer
Karten  wollten  wir  uns  zunächft  einführen,  und  durch  „gemütliches  Beifammenfein“ ­
  hofften  wir  das  Vertrauen  der  Arbeiterinnen  zu  erwerben.  Denn  das
war  uns  klar:  w  i  r  konnten  keine  Organifation  für  die  Heimarbeiterinnen
fchaffen,  wenigftens  der  Wunfch  nach  ihr  mufzte  aus  den  Reihen  der  Arbeiterinnen ­
  felbft  hervorgehen.
Selbftverftändlich  war  es  uns  auch,  da|z  diefes  Ziel  nicht  fchnell  zu  erreichen ­
  fein  würde.  Alfo  —  wir  fuhren  gen  Norden  Berlins.  Manche  gewifz
mit  ziemlich  bangem  Herzen,  denn  es  war  nicht  ausgefc'nloffen,  da(z  wir  unfreundlich ­
  aufgenommen  wurden,  ja,  dafz  man  uns  die  Türe  wies.  Aber  bald
fchwand  alle  Furcht;  denn  in  den  meiften  Fällen  wurden  wir  in  die  Wohnung
geführt,  zum  Sitzen  genötigt,  und  es  dauerte  nicht  lange,  fo  waren  wir  über
die  Verhältniffe  orientiert.  Wir  merkten,  dajz  es  den  meiften  Frauen  eine
Wohltat  war,  einmal  von  jemand  befucht  zu  werden,  der  Intereffe  für  fie  hatte,
und  unfere  Einladung  wurde  meift  gern  angenommen.  Beim  erften  Befuch
waren  wir  mit  unfern  Erkundigungen  über  ihre  Arbeits-  und  Lohnverhältniffe
vorfichtig;  nur  eins  fragten  wir  immer:  „Sind  Sie  in  irgendeiner  Verficherung?“
Wir  wujzten  ja,  dafz  diefe  Frage  faft  immer  verneint  werden  würde  —  denn
die  Hausinduftriellen  waren  damals  auch  in  Berlin  noch  in  keiner  Verficherung
—,  aber  durch  die  Frage  wollten  wir  die  Frauen  auf  diefe  Möglichkeit  bringen,
in  ihnen  den  Wunfch  erregen,  in  die  fegensreiche  Verficherungsgefetzgebung
einbezogen  zu  werden.
Dafz  diefer  Weg  der  richtige  war,  zeigten  uns  die  erften  Verfammlungen,
die  fo  gut  befucht  waren,  da|z  monatliche  Zufammenkünfte  feftgefetzt  werden
konnten.  Die  Notwendigkeit  der  Ausdehnung  der  Krankenverficherung  auf
die  Hausinduftriellen  und  die  Vorteile  eines  Zufammenfchluffes  der  Berufsgenoffen ­
  bildeten  die  Hauptverhandlungsgegenftände.  Wir  hatten  die  Freude,
dafz  die  Frauen  fehr  bald  lebhaften  Anteil  nahmen,  ihre  Meinung  fagten,
Vorfchläge  machten  und  Wünfche  äufzerten.  ln  den  erften  Monaten  befuchten
wir  fie  regelmäßig,  luden  fie  immer  wieder  perfönlich  zu  den  Verfammlungen
ein.  Wir  erreichten  es  hierdurch,  dafz  manche  Arbeiterin,  die  fich  zunächft
ablehnend  verhielt,  fchliefzlich  doch  kam.
Ungefähr  ein  Jahr  hielten  wir  diefe  gemütlichen  Zufammenkünfte,  dann
wurden  Stimmen  laut,  die  die  Gründung  eines  Berufs-Vereins
  und  Zahlen  von  Mitgliedsbeiträgen  verlangten.
            
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