Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  1.  Begriff  der  hausinduftrie

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diejenige  Betriebsform  der  kapitaliftifchen  Unternehmung,  bei  welcher  die
Arbeiter  in  ihren  eignen  Wohnungen  oder  Werkftätten  befchäftigt  werden.“
Nun  ift  es  ja  begreiflich,  da|z  Marx,  der  dem  Kapital  die  ganze  Schuld  für
jede  Not  im  modernen  Wirtfchaftsleben  aufbürdet,  und  ebenfo  Sombart,  der
faft  ganz  in  marxiftifcher  Anfchauungsweife  lebt,  auch  bei  der  Erörterung  der
Hausinduftrie  die  leitende  Stellung  des  Kapitals  als  das  Hauptfächliche  betrachten. ­
  Aber  eine  genauere  Unterfuchung  zeigt  doch,  dajz  das  Kapital  gerade
in  der  Hausinduftrie  bei  weitem  nicht  von  der  Bedeutung  ift  wie  in  der  Fabrikinduftrie,
  ja  dajz  gerade  der  geringe  Kapitalbedarf  den  Verleger  zur  hausinduftriellen
  Organifation  reizt.  Hier  bedarf  es  keines  ftehenden  Kapitals  für
Fabrikräume  und  Mafchinen,  fondern  nur  etwas  umlaufenden  Kapitals  für
Entlohnung  und  meiftens  auch  für  Rohftoffe.  Es  ift  alfo  im  Verlagsfyftem
nicht  fo  fehr  das  Kapital,  das  durch  unfichtbare  Fäden  die  Arbeiter  feffelt,
als  vielmehr  die  kaufmännifche  Gefchicklichkeit  des  oft  ziemlich  kapitalarmen
Verlegers,  wie  Sombart  felbft  (a.  a.  0.)  fchildert.  Die  Bedeutung  des  Kapitals
für  die  Organifation  der  Hausinduftrie,  für  die  wirtfchaftliche  Lage  der  Heimarbeiter ­
  foll  nicht  verkannt  werden.  Aber  das  Wefen  der  Hausinduftrie  nur
aus  dem  Kapital  verftehen  wollen  kann  man  nur,  indem  man  einerfeits  die
hiftorifchen  Vorgänge  bei  Entftehung  der  Hausinduftrie  überfieht  oder  einfeitig
  auffajzt,  anderfeits  bemüht  ift,  alle  wirtfchaftlichen  Erfcheinungen  auf
eine  einheitliche  Formel,  die  des  Kapitalismus,  zurückzuführen.  Dajz  Marx
bei  feiner  Auffaffung  zu  einfeitig  die  „dezentralifierte  Fabrik“,  nicht  aber  die
andern  z.  B.  auf  Entwicklung  aus  dem  Handwerk  oder  bäuerlichen  Hausfleijz
beruhenden  Formen  der  Hausinduftrie  betrachtet  hat,  geht  aus  den  zitierten
Worten  von  Marx  hervor.
Robert  Liefmann  hat  fich  feine  Theorie  über  die  Verlagsarbeit
auf  Grund  des  Atelierfyftems  in  der  Markircher  Hausweberei  gebildet.  Die
Frage,  ob  diefe  Atelierarbeit  überhaupt  noch  Hausinduftrie  fei  und  wie  fie
theoretifch  aufzufaffen  fei,  fehlen  ihm  auf  Grund  der  herrfchenden  Theorie
unlösbar.  Die  Verfuche,  diefe  Organifation  theoretifch  zu  verftehen,  führten
ihn  zu  feiner  neuen  Auffaffung. J )
Es  kommt  Liefmann  vor  allem  darauf  an,  Verlagsarbeit  und  Fabrikarbeit
ftreng  auseinander  zu  halten.  Der  Unterfchied  liegt  nach  ihm  in  der  Verfchiedenheit
  des  beiden  Arbeitsverhältniffen  zugrunde  liegenden  Vertrags.  Der  Vertrag
des  Fabrikarbeiters  ift  eine  Dienftmiete,  wodurch  der  Menfch  „feine  ganze
*)  R.  Liefmann,  Über  Wefen  und  Formen  des  Verlags,  Tübingen  1899:  vglauch
  Liefmann,  Die  Hausweberei  im  Elfaft.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik, ­
  Bd.  84-
            
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