Full text : Die deutsche Hausindustrie

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IV.  Kap.:  Wirtfchaftliche  und  fozialc  Zuftände  in  der  Hausinduftrie

Städten  vor.  Während  nun  ein  hoher  Prozentsatz  von  Einzimmerwohnungen
zu  ungünftigen  Folgerungen  berechtigt,  können  umgekehrt  nicht  aus  der
verhältnismäßig  hohen  Anzahl  von  Drei-  und  Zweizimmerwohnungen  entgegengefetzte ­
  Schlüffe  gezogen  werden.  Denn  das  Abvermieten  eines  oder
mehrerer  Räume  ift  bei  den  Zwei-  und  Dreizimmerwohnungen  in  mehrern
Städten  fo  ftark  in  Übung,  daß  fie  für  ein  bequemeres  Wohnen  alle  Bedeutung
verlieren.  Im  Gegenteil  werden  durch  das  Abvermieten  in  die  Intimität  des
Familienlebens  fremde  Elemente  hineingetragen,  die  nach  verfchiedenen
Richtungen  nachteilig  wirken,  vor  allem  den  fittlichen  Einfluß  des  gefchloffenen
Familienlebens  fehr  in  Frage  ftellen.  Selbft  die  Einzimmerwohnungen  bleiben
von  den  üblen  Folgen  des  Abvermietens  nicht  verfchont.  In  Berlin  haben
faft  drei  Viertel  der  berückfichtigten  Heimarbeiterinnen  (296)  eine  Einzimmerwohnung. ­
  Diefe  ift  aber  in  79  Fällen  durch  Abvermieten  aus  einer  großem
Wohnung  entftanden,  und  in  33  Fällen  wird  die  Einzimmerwohnung  mit
fremden  Schlafgängern  geteilt.  Alfo  in  112  von  den  296  Fällen  ift  keine  abgefchloffene
  Familienwohnung  vorhanden.  Das  ift  ein  Wohnungselend,
wie  es  fonft  in  keiner  deutfehen  Stadt  anzutreffen  ift.
Hinfichtlich  der  Bewohnerzahl  pro  Raum  geftalten  fich  die
Verhältniffe  am  ungünftigften  für  die  Einzimmerwohnung.  Im  Durchfchnitt
kommen  auf  die  Einzimmerwohnung  ohne  Küche  zwei,  auf  diejenige  mit
Küche  drei  Perfonen.  Das  ift  in  Anbetracht  der  meift  geringen  Maßverhältniffe
  des  Raumes  fchon  reichlich  genug.  Aber  einige  Städte  gehen  über  den
Durchfchnitt  bedeutend  hinaus.  So  gibt  es  eine  Befetzung  der  Einzimmerwohnung ­
  mit  Küche  mit  mehr  als  vier  Perfonen  in  Berlin,  Breslau,  Pofen,
Königsberg  in  größerm  Umfange.  Auch  fieben  und  mehr  Perfonen  finden  fich
in  einer  folchen  Wohnung.  Auf  diefem  engen  Raume  fpielt  fich  nun  das  ganze
Familienleben  in  feinen  wechfelnden  Phafen  ab,  er  ift  überall  zugleich  Arbeitsftätte
  für  die  Heimarbeiterin,  dauernder  Aufenthalt  für  die  Kinder,  denen
Höfe  und  Plätze  zum  Spielen  nicht  bereitftehen.  Solche  Wohnräume  darf
man  Brutftätten  von  viel  phyfifchem  und  moralifchem  Elend  nennen,  auch
wenn  ftatiftifches  Material  für  diefe  Behauptung  nicht  beigebracht  würde.
Weniger  kraß  find  die  Belegungsziffern  in  den  Zwei-  und  Dreizimmerwohnungen, ­
  obwohl  auch  hier  eine  Reihe  von  Fällen  tatfächlicher  Überfüllung
aufgezählt  werden  kann.  Zudem  fchrumpft  hier  infolge  des  Abvermietens
die  eigentliche  Wohnungsfphäre  oft  fehr  zufammen.
Der  Mietpreis,  der  Angelpunkt  alles  wirtfchaftlichen  Denkens  und
Sorgens  bei  den  befitzlofen  Menfchen,  ftellt  fich  für  die  Heimarbeiterinnen
außergewöhnlich  hoch  in  Anbetracht  ihres  geringen  Einkommens.  Die  teuerften
            
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