Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

959bbb

Die  Luftschiffahrt.

(Ohio)  experimentierten  sie  in  tiefster  Zurückgezogenheit  mit  einem  durch  einen  Motor  getriebenen ­
  Gleitflieger,  der  imstande  war,  einen  Mann  zu  tragen.  Die  Versuche  begannen
1901.  Schon  am  17.  Dezember  1903  gelang  es  ihnen,  einen  Flug  von  260  m  gegen
einen  kräftigen  Wind  in  59  Sekunden  auszuführen.  Am  20.  September  1904  durchflogen
sie  zum  ersten  Male  einen  geschlossenen  Kreis,  und  am  6.  November  1904  gelang  ihnen  garem ­
  Flug  über  fast  fünf  Kilometer.  Am  26.  September  1905  durchflogen  sie  in  nur
18  Minuten  eine  Strecke  von  fast  18  km,  und  diese  Leistung  wurde  in  den  nächsten  Tagen
immer  mehr  verbessert,  bis  sie  es  am  5.  Oktober  auf  eine  Strecke  von  rund  39  km  brachten,
die  in  33  Minuten  durchflogen  wurde.  Damit  war  bereits  erwiesen,  daß  die  Flugapparate
mit  Schnellzugsgeschwindigkeit  die  Luft  zu  durchschneiden  vermochten.  Die  Erfolge  ließen
sich  jetzt  nicht  mehr  verheimlichen;  aber  die  Berichte  darüber  fanden  an  den  maßgebenden
Stellen  nur  Unglauben  und  Spott.  Die  Brüder  wollten  erst  dann  vor  einer  amtlichen
Kommission  ihre  Künste  zeigen,  wenn  sie  den  Kaufpreis  für  ihre  Apparate  in  der  Tasche
hatten,  aber  keiner  von  allen  den  Staaten,  denen  sie  ihre  Erfindung  anboten,  war  begreiflicherweise ­
  ohne  weiteres  bereit,  die  Katze  im  Sacke  zu  kaufen.  Da  entschlossen  sich  im
Zeppelinjahr  1908  die  Brüder  zu  öffentlichen  Flügen:  Orville  Wright  produzierte  sich  in
Washington,  Wilbnr  Wright  in  Le  Maus.  Am  12.  September  1908  flog  Orville  73  km
in  1 1 / 4  Stunde,  am  18.  Dezember  schon  120  km  in  knapp  zwei  Stunden,  während  Wilbur
in  Washington  am  3.  Oktober  mit  einem  Passagier  fast  eine  Stunde  in  der  Luft  blieb.
Auch  größere  Höhen  von  über  100  m  wurden  von  den  Wrights  zuerst  aufgesucht.
Damit  war  der  Beweis  erbracht,  daß  das  Fliegen  in  der  Tat  eine  Kunst  sei,  die  dem
Menschen  erlernbar  ist.  Nun  regte  es  sich  allenthalben:  von  Jahr  zu  Jahr  wurden  immer
erstaunlichere  Leistungen  von  einer  großen  Zahl  von  Fliegern  vollbracht,  und  wenn  auch
die  Todesopfer  zahlreich  und  schwer  waren,  so  ist  doch  kaum  je  zuvor  ein  neuer  technischer
Fortschritt  mit  so  erstaunlicher  Schnelligkeit  weiter  entwickelt  worden.  War  im  Jahre  1904
schon  ein  Flug  von  ein  paar  hundert  Metern  oder  wenigen  Kilometern  ein  bemerkenswertes
Ergebnis,  so  finden  heute  schon  Flüge  über  weite  Landstrecken  statt,  so  von  Berlin  nach  Wien
oder  von  Paris,  wo  heute  gewissermaßen  das  Zentrum  der  Flugtechnik  zu  suchen  ist,  nach
Madrid  und  Rom  (mit  Zwischenlandungen)  oder  gar  übers  Meer  nach  London,  nachdem
der  Wrightsche  Flug  über  den  Hafen  von  New  Dork  (1907)  oder  die  Blorivtsche  erste  llberfliegung
  des  Ärmelkanals  (25.  Juli  1909)  heute  bereits  als  kaum  besonders  bemerkenswerte ­
  Vorkommnisse  erscheinen  würden,  da  sie  seither  zu  oft  wiederholt  worden  sind.  Die
Höhenrekorde  wachsen  mit  erstaunlicher  Schnelligkeit;  zurzeit  ist  die  größte  von  einem  Flieger
(Legagneux)  erreichte  Höhe  5720  w,  und  die  Geschwindigkeit  übersteigt  alles,  was  bei
Menschenwerken  sonst  vorkommt,  mit  alleiniger  Ausnahme  der  elektrischen  Bahngeschwindigkeit
auf  derZossener  Versnchsstrecke  (vgl.S.959rv).  Hat  doch  der  französische  Flieger  Vodrines  Ende
Februar  1912  mit  seinem  Apparat  eine  Stundengeschwindigkeit  von  170  km  erreicht,  etwa
das  Dreifache  der  normalen  Schnellzugsgeschwindigkeit,  wobei  noch  zu  berücksichtigen  ist,
daß  die  Flugzeuge  unbekümmert  um  alle  Unebenheiten  des  Geländes  nach  jedem  Ziel  in
gerader  Linie  hinzusteuern  vermögen!
Ein  stattliches  Heer  von  Berufs-  und  Amateurfliegern  hat  sich  seither  herangebildet,
dessen  Menge  von  Jahr  zu  Jahr  anschwillt  und  in  dem  ein  ungewöhnlich  hoher  Prozentsatz ­
  von  Militärfliegern  zu  verzeichnen  ist,  da  der  militärische  Wert  der  Flugapparate  von
den  meisten  Autoritäten,  wenn  auch  nicht  ganz  unbestritten,  sehr  hoch  eingeschätzt  wird,  so
daß  ein  zukünftiger  Land-  oder  Seekrieg  mit  völlig  ungewohnten,  neuen  Möglichkeiten  zu
rechnen  hat.
Zweifellos  hat  Frankreich  zurzeit  die  Führung  ans  nviatischem  Gebiet  inne  und  sucht
sie  sich  eifersüchtig  zu  wahren,  nicht  zum  wenigsten  im  Hinblick  auf  etwaige  kriegerische
Zukunftsereignisse.  An  zweiter  Stelle  stehen  die  Vereinigten  Staaten,  wo  von  privater
Seite  besonders  reiche  Mittel  zur  Ausbildung  der  Fliegeknnst  zur  Verfügung  gestellt  wurden.
Deutschland  und  England  hingegen,  von  andren  Staaten  ganz  zu  schweigen,  stehen  merklich
zurück.  In  England  ging  es  mit  den  „nationalen"  Flugapparaten,  die  nach  den  Angaben
des  amerikanischen  Obersten  Codh  gebaut  wurden,  nicht  anders  als  mit  den  Luftschiffen:
            
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