Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Die  Eisenbahnen:  Zahnbahnen.

berg  (Siebengebirge),  mit  300°l 00  in  den  Green  Mountains  (Nordamerika)  und  der
Corcovadobahn  in  Brasilien,  mit  377  °/ 00  bei  der  schon  genannten  Mount  Washington^
Bahn.  Steigungen  über  300°/ 00  empfehlen  sich  nicht,  da  sonst  bei  der  Thalfahrt,  namentlich ­
  bei  schnellem  Bremsen,  der  sichere  Eingriff  des  Zahnrades  in  die  Zahnstange  gefährdet
und  damit  eine  Entgleisung  herbeigeführt  werden  kann.
Will  man  eine  steilere  Bahn  zulassen,  so  muß  man  von  der  Zahnstange  mit  aufrechtstehenden ­
  Zähnen  Abstand  nehmen  und  eine  solche  mit  liegenden  Zähnen  —  Fischgrätenanordnung ­
  —  wählen,  in  die  dann  von  beiden  Seiten  liegend  angeordnete  Zahnräder
der  Lokomotive  eingreifen.  Diese  Zahnstange  gestattet  selbst  senkrechte  Förderung.  Sie
wurde  für  Steilbahnen  bereits  1868  von  Stehlin-Basel  in  Vorschlag  gebracht,  der  sie
aus  der  Fellschen  Anordnung  (Mittelschiene  mit  vier  wagerechten  Druckrollen)  ableitete.
Die  liegende  Zahnstange  wurde  zum  erstenmal  1886/88  von  dem  Ingenieur  Locher
bei  der  Pilatusbahn  nach  Abb.  155  zur  Ausführung  gebracht.  Die  stärkste  Steigung
beträgt  hier  480  °/ 00 ,  das  ist  fast  1:  2,  das  höchste,  was  bis  jetzt  für  Zahnbahnen  zugelassen
ist  und  auch  wohl  nicht  mehr  übertroffen  werden  wird.  Die  Fahrgeschwindigkeit  beträgt
hier  1  in  in  der  Sekunde,  also  nur  3,6  kni  in  der  Stunde,  und  zwar  bergauf  wie  bergab.
Da  nach  früher  Erläutertem  auf  so  stark  ansteigender  Bahn  je  1000  kg  Last  allein  zum
Heben  bereits  480  kg  Zugkraft,  das  sind  48  °/ 0  oder  rund  '/»  der  geförderten  Last,
erfordern,  so  muß  man  das  Eigengewicht  der  Fahrzeuge,  die  sogenannte  tote  Last,
möglichst  gering  halten.  Zu  dem  Zwecke  hat  man  hier  den  Wagenkasten  auf  das  verlängerte ­
  Radgestell  der  Lokomotive  gestellt  (Abb.  230).  Die  tote  Last  wiegt  9200  kg,
die  Nutzlast  (34  Reisende)  etwa  2400  kg,  während  die  Lokomotive  eine  Zugkraft
bis  6500  kg  leisten  muß,  das  ist  fast  dreimal  so  viel  wie  das  Gewicht  der  Nutzlast! ­
  Man  ersieht  hieraus,  daß  sich  der  Betrieb  steiler  Bahnen  auch  nur  bei  hohen
Fahrpreisen  lohnen  kann,  zumal  jener  meistens  auf  die  gute  Jahreszeit  beschränkt  bleibt
und  die  Anlagekosten  hohe  sind.  Die  mit  nur  80  cm  Spurweite  angelegte  4,5  km  lange
Pilatusbahn  hat  rund  1  520  000  Mark  gekostet.  Neun  Lokomotiven  versehen  den  Dienst.
Nächst  der  Rigi-  und  Gornergratbahn  verdient  diese  Linie  unter  den  europäischen  Bergbahnen ­
  den  Vorzug.  An  Großartigkeit  der  Anlage  und  in  technischer  Hinsicht  gebührt
aber  der  Pilatusbahn  der  Vorrang,  wie  auch  schon  die  Abb.  98  u.  99  ohne  weiteres
erkennen  lassen  dürften.
In  Bezug  auf  Höhengewinn  werden  alle  drei  allerdings  von  der  Pike's  Peak-Bahn
  in  Colorado  weit  übertroffen.  Während  der  Rigi  bis  1750  m,  Pilatus  bis  2070  m,
Goruergrat  bis  3018  m  über  dem  Meeresspiegel  mit  der  Zahnstange  belegt  ist,  die  Jungfrau ­
  demnächst  bis  4075  bezw.  4166  m  durch  sie  erklommen  werden  soll,  ersteigt  seit  1890
die  vorgenannte  amerikanische  Zahnbahn  in  15  km  langer  Linie  mit  1435  mm  Spurweite ­
  und  250  0/00  größter  Steigung  auf  Abtscher  Zahnstange  den  4320  m  über  dem
Meeresspiegel  gelegenen  Bergesgipfel,  seinen  Besuchern  oft  eine  wunderbare  Rund-  und
Fernsicht  bietend,  aber  manchen  von  ihnen  auch  die  arg  zusetzende  Bergkrankheit  (S.  102)
bescherend.
Vor  90  Jahren  ein  fehlgeschlagener  Versuch  Blenkinsops,  bildet  in  unseren  Tagen
die  Zahnstange  ein  viel  benutztes  Mittel,  sowohl  Güterlasten  über  der  Gebirge  Rücken
zu  befördern,  als  auch  die  für  die  schöne  Gottesnatur  schwärmende  Menschheit  mühelos
zu  der  Berge  lichten  Höhen  hinaufzuführen  und  ihr  Genuß  und  Freude  an  der  unvergleichlichen, ­
  nie  den  Reiz  der  Neuheit  verlierenden  Hochgebirgswelt  zu  verschaffen.  Die  genialen
Pioniere  aber,  die  mit  ihrer  Hilfe  dem  auch  von  ihnen  neugestalteten  Dampfroß  den
sicheren  Weg  über  die  steilen,  noch  so  hohen  Felsenhänge  ermöglicht  haben,  sind,  wie
wir  sahen,  Marsh,  Riggenbach  und  Abt.  —
            
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