Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Getreidebau  und  Viehzucht.  91Z

Außerdem  hatte  sich  der  Kleinbetrieb  seit  jeher  mehr  mit  der  Viehzucht  und  Molkerei
beschäftigt,  insbesonders  in  West-  und  Süddeutschland,  wo  die  zahlreichen  Städte,  die
Dichtigkeit  der  Bevölkerung  und  die  Nachfrage  nach  derlei  Erzeugnissen  ihn  darauf  hinführten. ­
  Endlich  verbraucht  der  Bauer  einen  großen  Teil  seiner  Erzeugnisse  im  eigenen
Haushalt,  so  daß  er  von  der  Wirkung  steigender  oder  sinkender  Marktpreise  zum  Teil
unberührt  bleibt.  Für  den  Kleinbetrieb  spielen  daher  teilweise  dieselben  günstigen  Umstände ­
  mit,  die  in  England  dem  Pächter  über  die  Krisis  hinweghalfen,  während  der  Großgrundbesitz ­
  sie  in  ihrer  vollen  Schärfe  empfindet.
Dies  drückt  sich  im  Maße  der  Verschuldung  aus.  Durchwegs  zeigen  die  östlichen
Provinzen  eine  weit  höhere  Verschuldung  als  die  westlichen.  In  den  östlichen  Provinzen
machen  die  Schuldzinsen  nach  angestellten  Ermittelungen  durchschnittlich  44—65^,  in  den
westlichen,  wo  der  bäuerliche  Besitz  vorherrscht,  14—29%  des  Einkommens  der  Grundbesitzer ­
  aus.  .Den  Hauptanlaß  für  die  Verschuldung  bilden  in  allen  Fällen  Besitzveränderungen: ­
  Erbteile,  die  nicht  ausbezahlt  wurden,  Kaufschilliugsreste,  die  stehen  bleiben.
Die  übermäßig  hohe  Bewertung  des  Grundes  in  der  für  die  Landwirtschaft  günstigen
Periode  äußerte  hier  ihre  Nachwirkung.  Bei  hoher  Verschuldung  wird  dies  dadurch  gefährlich, ­
  daß  die  fest  verzinsliche  Schuld  jährlich  einen  unveränderlichen  Betrag  vorweg
nimmt,  ohne  Rücksicht  auf  die  Höhe  des  Ertrages,  und  daß  daher  alle  Schwankungen
der  Erträge  voll  dem  Wirtschaftsbesitzer  zur  Last  fallen.
Äußerlich  drückt  sich  die  ungünstige  Lage  der  Landwirtschaft  auch  auf  dem  Festlande
schon  im  Rückgang  der  Anbauflächen  aus.  Am  größten  ist  dieser  in  den  westlichen ­
  Ländern,  in  Belgien,  in  den  Niederlanden,  dann  in  Dänemark  und
Skandinavien.  In  Frankreich  sind  die  Anbauflächen  für  Roggen,  Gerste,  Halbfrucht, ­
  Mais  und  Buchweizen  schon  seit  den  70  er  Jahren  beständig  verkleinert  worden.
Das  Weizenland  jedoch  erhält  sich  mit  verschiedenen  Schwankungen  fortgesetzt  nahe  dem
Stande  von  rund  sieben  Millionen  Hektar.  Im  Deutschen  Reiche  sind  die  Anbauflächen
noch  bis  Anfang  der  90  er  Jahre  gewachsen,  von  1893  an  jedoch  sind  sie  bei  Weizen
beständig,  bei  den  anderen  Fruchtgattungen  unter  Schwankungen  bis  1897  zurückgegangen.
In  Österreich  hält  das  Wachstum  der  Anbaufläche  bis  1895  an,  um  seither  einem
Rückgang  Platz  zu  machen.  In  Ungarn  endlich  ist  noch  im  Jahre  1898,  dem  letzten,
für  das  die  Ergebnisse  vorliegen,  eine  Vermehrung  der  Anbauflächen  eingetreten.  Die
Bewegung  zeigt  somit  deutlich  ein  Fortschreiten  von  Westen  nach  Osten.  Sie  tritt  am
schärfsten  in  England  und  in  den  gegenüber  liegenden,  von  den  englischen  Marktverhältnissen ­
  unmittelbar  beeinflußten  Gebieten  auf  und  verflacht  gegen  Osten  hin,  um  in  Ungarn,
das  noch  in  die  Reihe  der  Agrarstaaten  und  Ausfuhrländer  zählt,  gänzlich  zu  verschwinden.
Dabei  ist  die  Intensität  des  Betriebes  durchweg  eine  größere  geworden,  der  mittlere
Ertrag  von  einem  Hektar  ist  überall  gestiegen.  Nach  Sundbärg  betrug  der  durchschnittlich ­
  auf  ein  Hektar  entfallende  Ernteertrag  in  Westeuropa  in  Meterzentnern

in  den  Jahren

1876  -  1885

1886-1895

1896

für  Weizen

10,9

11,2

12,0

„  Roggen

10,2

10,9

11,8

„  Gerste

13,0

13,2

13,0

„  Hafer

11,7

12,0

12,1

„  Mais

11,2

10,9

11,8

In  Deutschland  wurden  1878  —  1882  13  qu.,  1895—1899  16,6  qu.  Weizen  pro
Hektar  geerntet;  es  scheint,  daß  man  durch  größere  Intensität  der  Wirtschaft  der  Krisis  zu
begegnen  suchte.  Teilweise  mag  die  Aufrechthaltung  der  bestehenden  Betriebsart,  wohl
auch  in  Hoffnung  besserer  Zeiten,  durch  Einschränkung  der  Lebenshaltung,  Heranziehung
von  Ersparnissen,  Unterlassung  von  Anschaffungen  und  Neuerungen  erkauft  worden  sein.
Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  einzelne  Anzeichen  auf  ein  Nachlassen  in  der  Stärke  der
überseeischen  Konkurrenz  schließen  lassen.  Bei  dem  heutigen  Stand  der  Getreidepreise
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