Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Getreidebau  und  Viehzucht.

unter  den  geänderten  Verhältnissen  als  viel  zu  hoch  erwiesen.  Auch  die  auf  den
Gütern  haftenden  Schulden  wurden  jetzt  weniger  leicht  getragen  als  früher,  und  zudem
wurde  die  ungünstige  Lage  der  Landwirtschaft  selbst  in  vielen  Fällen  zur  Ursache  weiterer
Schuldenzunahme.  Alle  diese  Umstände  wirkten  zusammen,  in  der  europäischen  Landwirtschaft ­
  ein  wirtschaftliches  Unbehagen  zu  erzeugen,  das  man  kurzweg  als  Agrarkrisis
bezeichnet.
Die  Wirkungen  dieser  Krisis  auf  den  landwirtschaftlichen  Betrieb  äußerten  sich  verschieden ­
  in  England  und  auf  dem  Festlande.
In  England  befindet  sich  fast  der  ganze  Grundbesitz  als  eine  Art  Fideikommiß
in  den  Händen  weniger  reicher  Familien,  die  ihn  jedoch  nicht  selbst  bewirtschaften,
sondern  höchstens  mit  Ausnahme  eines  Gutes  von  geringem  Umfange,  das  mehr  zum
Vergnügen  bewirtschaftet  wird,  verpachten.  Als  der  Preisrückgang  der  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse  eintrat,  wurden  dadurch  zunächst  nur  die  Pächter  getroffen,  und  für
viele  bedeutete  es  eine  wirtschaftliche  Katastrophe,  da  sie  ihren  Verpflichtungen  nicht  nachkommen ­
  konnten,  die  Pacht  aufgeben  mußten  und  zudem  das  Betriebskapital,  für  das  in
England  die  Pächter  zu  sorgen  haben,  einbüßten.  Vielfach  wurden  jedoch  von  den
Gutsbesitzern  entsprechende  Pachtnachlässe  gewährt,  und  auch,  wo  dies  nicht  der  Fall  war,
mußten  die  Pachtzinsen  bald  notgedrungen  den  gesunkenen  Preisen  der  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse  angepaßt  werden,  da  die  Pachtverträge  meist  über  kurze  Fristen  laufen
und  zum  alten  Pacht  kein  Pächter  zu  finden  war.  Manche  Grundstücke  von  geringerer
Fruchtbarkeit  konnten  überhaupt  nicht  mehr  verpachtet  werden  und  mußten  unbebaut
bleiben  oder  auf  Wald  umgelegt  werden.  Die  Verminderung,  die  das  Einkommen  der
Landlords  durch  diese  Herabminderung  der  Pachtzinsen  erfuhr,  wird  auf  zehn  Millionen
Pfund  Sterling  oder  auf  ein  Fünftel  ihres  jährlichen  Einkommens  geschätzt.  Diese
Einbuße  konnte  jedoch  verhältnismäßig  leicht  getragen  werden,  da  diese  Grundbesitzerfamilien, ­
  abgesehen  von  ihrem  großen  Reichtum,  znm  großen  Teil  auch  an  Jndustrieunternehmungen
  beteiligt  oder  im  Besitze  städtischer  Grundstücke  sind,  welche  von  der  Ertragsminderung ­
  nicht  getroffen  wurden.  Hierin  liegt  wohl  auch  einer  der  Gründe  dafür,  daß
der  Preissturz  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  in  England  zu  keiner  Agrarbewegung
unter  den  Großgrundbesitzern  führte.
Ferner  ermöglichte  diese  Agrarverfassung  verhältnismäßig  leicht  den  Übergang  zu
einem  den  neuen  Verhältnissen  angepaßten  Wirtschaftssystem.  Man  schritt
im  weitesten  Umfange  zum  Ersätze  des  Ackerbaues  durch  Viehzucht  und  Weidewirtschaft, ­
  und  die  englische  Gesetzgebung  leistete  dem  insofern  Vorschub,  als  die  durch
das  Gesetz  vorgeschriebene  Schlachtung  fremden  Viehes  in  den  Einfuhrshäfen  dem
heimischen  Züchter  bei  der  Lieferung  lebenden  Viehes  einen  Vorteil  vor  dem  Importeur
gewährt.  Der  Übergang  zur  Weidewirtschaft  gestattet  ferner  eine  Herabminderung  der
Produktionskosten,  er  erfordert  weniger  Arbeitskräfte,  die  klimatischen  Verhältnisse  des
Landes  sind  für  die  Viehzucht  besonders  geeignet,  und  schließlich  sind  Fleisch  und  tierische
Produkte  von  der  Entwertung  weit  weniger  betroffen  worden  als  das  Getreide.  In
welchem  Umfange  diese  Umwandlung  der  landwirtschaftlichen  Betriebe  stattfand,  geht
daraus  hervor,  daß  sich  die  Ackerfläche  vom  Durchschnitt  der  Jahre  1867—1872  bis
zu  jenem  der  Jahre  1893—1897  von  17,7g  auf  14,04  Millionen  aoros  vermindert  hat,
während  das  Gras-  und  Kleeland  von  28,3  auf  33,8,  die  Waldfläche  von  0,8  auf
3  Millionen  acres  zunahm.  Die  stärkste  Verminderung  zeigt  die  Anbaufläche  von  Weizen,
die  von  3,8  auf  1,8  Millionen  acres  zurückging,  während  Gerste  und  Hafer,  die  vielfach
als  Futtergetreide  dienen,  sich  so  ziemlich  auf  gleichem  Stande  erhalten  haben  und  nur
unbedeutende  Verminderungen  erfuhren.  Durch  zweckmäßige  Organisation  des  Absatzes
und  Erleichterungen  im  Verkehr  auf  den  Eisenbahnen  suchte  man  ferner  den  Absatz  von
Milch  und  Molkereierzeugnissen  zu  erleichtern;  endlich  nahm  in  der  Nähe  großer  Städte
das  Gartenland  zu,  wenn  auch  nicht  in  dem  gewünschten  Maße,  weil  der  Gartenbau
wegen  der  großen  Anforderungen  an  die  Arbeitskraft  und  die  notwendigen  Meliorationen
sich  mehr  für  den  kleinen,  selbst  wirtschaftenden  Eigentümer  als  für  den  Pächter  eignet.
            
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