Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

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Allgemeine  Vorbemerkungen.

Wir  sehen  also  deutlich  genug,  wie  sehr  die  allgemeine  soziale  Fürsorgepflicht  dem
deutschen  Volke  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  ist.  Dabei  charakterisieren  sich  amtliche ­
  Fürsorgeeinrichtungen  noch  besonders  dahin,  daß  ihre  Zuwendungen  der  bedrückenden
Eigenschaft,  als  Armenunterstützungen  zu  gelten,  entkleidet  sind.  Fragt  man  aber  nach
dem  Ausgangspunkt  dieser  neuzeitlichen  Sozialreform,  so  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen, ­
  daß  wir  hier  die  Folgen  der  deutschen  Arbeiterversicherung,  ausgehend  von
der  Botschaft  des  hochseligen  Kaisers  Wilhelm  I.  vom  17.  November  1881  und  von  den
Erlassen  Sr.  Majestät  Kaiser  Wilhelms  II.  vom  4.  Februar  1890  vor  uns  sehen.
Der  Beweis  der  Teilnahme  der  deutschen  Arbeitgeberwelt  an  diesem  zum  Allgemeingut ­
  gewordenen  sozialen  Empfinden  äußert  sich  naturgemäß  in  erster  Linie  in  der
Schaffung  von  Wohlfahrtseinrichtungen  für  die  Angestellten  und  Arbeiter.
Wir  können  es  deshalb  nicht  recht  begreifen,  warum  man  gerade  diese  freiwillige  Wohlfahrtspflege, ­
  die  ja  doch  unzweifelhaft  den  Angestellten  und  Arbeitern  außerordentliche
Vorteile  und  Erleichterungen  für  ihre  Lebensführung  bringt,  so  oft  als  Gegenstand  für  kritische
Erörterungen  ergreift  und  in  der  sich  hierüber  entwickelten  umfangreichen  Literatur  es
geradezu  darauf  absieht,  dem  Arbeitgeber  die  Ausübung  der  Wohlfahrtspflege  zu  verleiden
und  zu  verkümmern.
Nach  unserem  Dafürhalten  bedarf  es  gar  nicht  einer  so  eingehenden  Begriffsuntersuchung ­
  der  Arbeiterwohlfahrt.  Es  genügt,  sie  dahin  zu  definieren,  daß  sie  einen  sozialausgleichenden ­
  Charakter  trägt  und  sich  das  ,,wohl-fahren“,  d.  h.  die  Förderung
eines  menschenwürdigeren  Lebens  der  Arbeiter  und  ihrer  Angehörigen  zum  Ziele  setzt.
Die  Wohlfahrtspflege  hat  nach  unserer  Auffassung  eine  vorwiegend  volkserzieherische
Aufgabe.  Wie  das  Kind  durch  Unterricht  und  Erziehung  der  andauernden  Mithilfe  bedarf,
um  sich  zu  einem  nützlichen  Mitgliede  der  menschlichen  Gesellschaft  herauszubilden,  so
bedürfen  Familien  und  Volkskreise,  denen  durch  Existenzsorgen,  durch  Unwissenheit  oder
durch  Charakterschwäche  das  Leben  verkümmert  wird,  auch  der  aufklärenden,  anspornenden ­
  und  führenden  Mithilfe  ihrer  Mitmenschen,  um  zu  einer  Lebensfahrt  zu  gelangen,
auf  der  sie  sich  wohl  befinden.  Nicht,  daß  wir  behaupten  wollten,  die  Erreichung  einer
„völligen  Zufriedenheit“  müsse  das  notwendige  Ziel  der  Wohlfahrtspflege  sein.  Es  gibt  wohl
kaum  jemand,  der  sich  andauernd  „zufrieden“  fühlen  wird  und  für  den  keinerlei  Wünsche
mehr  bestehen.  Zufriedenheit  und  Glück  sind  keine  schematisch  einzugliedernde  Begriffe,
sie  sind  individuelle,  innere  Empfindungen.  Die  Wohlfahrtspflege  will  nur  den  Weg  zur
Erlangung  inneren  Glückes  ebnen,  andererseits  kann  sie  sich  selbst  genug  sein,  indem
sie  dem  Ausübenden  ein  Glücksbewußtsein  schenkt.  Es  ist  sehr  schön,  wenn  dieses  Bewußtsein ­
  durch  das  Dankgefühl  der  geförderten  Personen  und  Kreise  gekrönt  wird.  Es
ist  aber  falsch,  wenn  dieses  Endresultat  notwendig  erwartet  wird.
Wer  für  seine  Mitarbeiter  ein  warmes  Herz  hat  und  in  dieser  Richtung  sich  und
seinen  Angehörigen  Betätigung  verschafft,  muß  nicht  die  Augen  vor  den  zahlreichen
Einflüssen  verschließen,  die  die  Gefühle  der  Empfänger  abzustumpfen  und  irre  zu  leiten
beflissen  sind.
Wenn  der  deutsche  Unternehmerstand,  dem  ja  diese  Imponderabilien  bekannt  sind,
sich  trotzdem  hervorragend  in  der  Wohlfahrtspflege  im  allgemeinen  und  in  der  Fürsorge
für  seine  Angestellten  und  Arbeiter  in  einem,  wie  unsere  angefügten  tabellarischen
Zusammenstellungen  beweisen,  ersichtlich  steigenden  Maße  beteiligt,  so
wollen  wir  daran  die  Hoffnung  knüpfen,  daß  auch  nach  und  nach  diesem  führenden  Stande
des  Wirtschaftslebens  im  allgemeinen  eine  gerechtere  Würdigung  und  ein  größeres  Verständnis ­
  in  den  nächstbeteiligten  Kreisen  zuteil  wird!
            
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