Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

20  Allgemeines  und  Spezielles  über  Entwicklung  und  Stand  der  Wohlfahrtspflege.
enthalt  genießen.  Das  Heim  liegt  in  einem  io  Morgen  großen  Park,  die  Errichtungskosten
betrugen  300  000  M.
Die  Kinderfreude  wird  vielfach  durch  Familienangehörige  der  Arbeitgeber  gepflegt.  So
veranstalten  die  Frauen  der  Firmeninhaber  Wieland&Cie.,  Messingwerke  in  Ulm  a.  D.
alljährlich  für  700  Kinder  von  Werksangehörigen  eine  sehr  reichhaltige  Weihnachtsbescherung. ­
  Auch  an  den  von  vielen  anderen  Firmen  veranstalteten  Weihnachtsbescherungen ­
  und  Festlichkeiten  nehmen  in  erster  Linie  die  Kinder  der  Werksangehörigen  teil.
Obgleich,  wenn  wir  von  der  von  jeher  gepflegten  Jünglings-  und  Jungfrauenfürsorge
der  kirchlichen  Organe  absehen,  die  planmäßige  Jugendpflege  erst  ein  neuzeitliches
Wohlfahrtsgebiet  ist,  haben  doch  eine  große  Anzahl  Arbeitgeber  schon  seit  vielen  Jahren
den  Anforderungen  der  Wohlfahrtspflege  nach  dieser  Richtung  hin  Rechnung  getragen.
Erwähnt  sei  nur,  daß  vielfach  eigene  Wohlfahrtshäuser,  Erholungshäuser,  Kasinos,  Arbeiterlese- ­
  und  Unterhaltungssäle  bestehen,  in  denen  besondere  Einrichtungen  für  jugendliche  Arbeiter ­
  und  Arbeiterinnen  getroffen  sind,  namentlich  insoweit  solche  keinen  Familienanschluß
besitzen.  Eine  Anzahl  Einrichtungen  für  Ausbildung  und  Fortbildung  der  Jugend  finden
später  bei  Unterrichts-  und  Bildungsanstalten  Erwähnung.  Von  den  Farbenfabriken
vorm.  Fried  r.  Bayer&Co.  in  Leverkusen  wurde  1909  ein  besonderer  Jugendverein  gegründet, ­
  dem  1911  80  männliche  und  36  weibliche  Jugendliche  angehörten.  Es  wurden
50  Vereinsabende  in  diesem  Jahre  abgehalten,  außerdem  erhielt  der  Verein  Freikarten
zu  den  Veranstaltungen  der  Fabrikzentralstelle  für  Bildungswesen.  Die  Jugend  fand  Unterstützungen ­
  in  der  Pflege  von  Musik  und  Gesang,  auch  wurden  von  der  Fabrikleitung  Prämien
für  gute  Darbietungen  in  diesen  Fächern  erteilt.  Weihnachtsbescherungen,  gemeinsame
Ausflüge,  Rekrutenabschiedsfeste,  Anstands-  und  Tanzkurse  usw.  gehören  zu  dem  Programm ­
  des  Jugendvereins.  Auch  gewährt  die  Firma  zu  der  von  ihr  errichteten  Jugendsparkasse
  einen  erheblichen  Zuschuß.  —  Der  Jugendpflege  widmet  die  Zündwarenfabrik ­
  Starke  &  Co.  in  Melle  auch  besondere  Aufmerksamkeit  zu.
ALTENHEIME  UND  STIFTE.  Die  Gruppe  7,  welche  die  freiwilligen  Zuwendungen  für
Altenheime  und  Stifte  umfaßt,  ist  gleichfalls  ganz  erheblich  gestiegen.  Für  die  Jahre  1883,
1884  und  1887  wurden  keine  Beträge  dieser  Art  aufgefunden,  für  die  Jahre  1885,  1886  und
1888—1896  dagegen  ein  jährlicher  Durchschnittsbetrag  von  rund  571  000  M.  Vielfach
beruht  die  Errichtung  von  Altenheimen  und  Stiften  auf  dem  Willen  von  Testatoren,  die
oft  ihr  gesamtes  Vermögen  für  die  Ausführung  und  Erhaltung  solcher  Stifte  bestimmen.
Es  ist  daher  erklärlich,  daß  die  einzelnen  Jahresbeträge  dieser  Rubrik  sehr  verschiedenartig ­
  sind,  weil  sie  von  Zufälligkeiten  abhängen.  Aber  im  ganzen  kann  man  doch,  namentlich ­
  in  dem  letzten  Jahrzehnt,  eine  gewisse  Regelmäßigkeit  der  Steigerung  feststellen.  Von
1  062  985  M.  im  Jahre  1897  erhöhte  sich  der  Betrag  allmählich  auf  7  576  000  M.  im  Jahre
1912.  Der  durchschnittliche  Jahresbetrag  des  ganzen  30jährigen  Zeitraums  für  Gruppe  7
beträgt  2  363  505  M.,  während  der  Gesamtbetrag  der  Gruppe  7  mit  70  905  025  M.  festgestellt ­
  wurde.  Es  ist  ganz  zweifellos,  daß  die  Durchsicht  der  Stiftungsverzeichnisse
der  größeren  deutschen  Stadtverwaltungen  noch  erhebliche  Beträge  für  Errichtung  von
Altenstiften  ergibt,  die  der  Bearbeiter,  wenigstens  in  früheren  Jahren,  wegen  Ermanglung
des  betreffenden  Materials  nicht  hat  berücksichtigen  können.  Hinweisen  wollen  wir  nur
auf  den  bekannten  Altenhof  der  Kruppschen  Firma  und  —  soweit  der  spezielle  Teil
dieses  Werkes  in  Betracht  kommt  —  auf  die  Arbeiter-Altersversorgungsanstalt  der  Textilfirma ­
  C.  A.  Pr  ei  bisch  in  Reichenau  i.  Sa.,  in  welcher  38  alte  Arbeiter  Aufnahme  finden
können,  sowie  auf  das  Stift  ,,Ferdinandsheim“,  das  für  die  alten  Arbeiter  der  Gerresheimer
  Glashüttenwerke  von  der  Frau  Kommerzienrat  Heye  errichtet  worden  ist.
Falls  ein  weiteres  Interesse  für  Einrichtungen  und  Zwecke  von  Arbeiter  -  Altenheimen,
Feierabendhäusern  usw.  vorhanden  ist,  darf  auf  die  von  Peter  Schmidt  1895  im
„Arbeiterfreund“  (S.  46—73)  veröffentlichte  Abhandlung:  „Alters-  und  Invalidenheime  für
Arbeiter  und  deren  Hinterlassene“  hingewiesen  werden.
            
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