Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Die Naturphilosophie. 
schiedenheit von Raum und Körper dargetan: nun gilt es, vom 
Standpunkt der Metaphysik aus, einen Ausgleich dieses Gegen- 
satzes und seine Aufhebung in einer übergeordneten Einheit zu 
suchen. Wiederum ist es der Begriff der Entwicklung, dem 
diese Aufgabe zufällt: die beiden Momente sind als zwei entgegen- 
gesetzte Phasen ein und desselben Prozesses des Werdens zu 
begreifen, in dem das Urwesen sich successiv entfaltet und zur 
konkreten Wirklichkeit bestimmt. Dem Raume kommt hierbei 
notwendig die erste Stelle zu: ist er es doch, dessen Setzung alle 
übrigen Inhalte erst ermöglicht, dessen Aufhebung auch alle 
anderen Elemente zu Nichte machen würde.®) Und wie er die 
Voraussetzung aller materiellen Dinge ist, so sind auch weiterhin 
alle physischen Bestimmungen überhaupt, insbesondere alle 
Qualitäten, die — wie Wärme und Kälte, Licht und Dunkelheit — 
die Körper durchdringen oder an ihrer Oberfläche haften, von 
ihm abhängig zu denken. Alle jene qualitativen Merkmale sind 
zwar nicht an und für sich als räumliche Quanta zu betrachten, 
wohl aber nehmen sie mittelbar durch ihre Beziehung zu den 
Körpern an der Natur des Raumes und der Möglichkeit fester 
Grössenbestimmung Teil.%®) Zwischen den Grundqualitäten selber 
herrscht ferner eine feste, natürliche Rangordnung: die erste 
Stufe der physischen Erfüllung bildet das Licht, das den Raum 
allseitig durchdringt und aus dem sich weiterhin „Wärme“ und 
‚Flüssigkeit“ als fortschreitende Grade der Verdichtung ent- 
wickeln. Jeder empirische Körper hat im bestimmten Maasse 
an diesen vier Elementen (spatium, lumen, calor, fluor) Teil.?) 
Hier erkennt man bereits deutlich die Schranke der gesamten 
Auffassung: der Raum hildet kein Glied in der Reihe der 
logischen Bedingungen mehr, die dem konkreten Sein voran- 
gehen, sondern ist selbst zum einzelnen Physischen Zustand und 
Grundstoff geworden. So erklärt es sich schliesslich auch, dass 
gedankliche Grundbestimmungen der absoluten Ausdehnung — 
wie etwa ihre „Unbeweglichkeit“, die aus ihrem Begriffe not- 
wendig folgt — nur wie besondere Physikalische Einzelbe- 
schaffenheiten ausgesprochen und empirischen Zuständen be- 
stimmter Körper direkt coordiniert werden: es gibt nichts schlecht- 
hin Ruhendes, ausser dem Raum und — der Erde, die im Zentrum 
des Alls festliegt und verharrt. 78)
	        
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