Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Vorwort zur ersten Ausgabe. 
VII 
einreiht. Das haben wir als Richtschnur genommen. Die Autoren, 
die wir hier nicht haben aufnehmen können, auch wenn sie vielleicht 
ebenso würdig sind, an erster Stelle zu glänzen, werden trotz dieser 
Ungerechtigkeit nicht zu kurz kommen, denn die Mode beschäftigt sich 
heute mit den Vorläufern: zahlreich sind die Bücher, die der Ent 
deckung der Poetae minores der volkswirtschaftlichen Wissen 
schaft gewidmet sind und es sich zur Aufgabe machen, die Urteile 
der parteiischen Geschichte zu ihren Gunsten zu berichtigen. 
Es war aber nicht nur eine Auswahl zwischen den Schriftstellern 
nötig, sondern auch eine Auswahl unter den Doktrinen. Diese Aus 
wahl hat selbstverständlich keinen irgendwie normativ gearteten 
Charakter; wir hatten keineswegs die Absicht, die einen zu empfehlen 
und die anderen herabzusetzen auf Grund eines Kriteriums der 
Moralität oder der sozialen Nützlichkeit oder der Wahrheit. Wir 
gehören nicht zu denen, die wie J.-B. Say glauben, daß die Ge 
schichte der Irrtümer nutzlos ist 1 ). Eher neigen wir dazu, uns der 
tiefsinnigen Bemerkung Condillac’s anzuschließen: „Es ist für jeden, 
der selbst Fortschritte im Suchen nach Wahrheit machen will, von 
wesentlicher Bedeutung, die Irrtümer derjenigen zu kennen, die 
geglaubt haben, ihm den Weg zu bahnen.“ Wir wissen, daß das 
Studium der Irrtümer fruchtbar ist, auch wenn man daraus nichts 
als die heilsame Warnung entnehmen kann, sie in Zukunft zu ver 
meiden, und zwar um so mehr, wenn es zutrifft, — wie Herbert 
Spencer in Umwandlung eines Satzes Shakespeaee’s sagt, — daß 
es keinen Irrtum gibt, der nicht ein kleines Körnchen Wahrheit 
enthielte. Auch kann man eine Lehre nur dann kennen, beherrschen 
und lieben, wenn man über ihre Geschichte Bescheid weiß, und 
wenn man ebenfalls, auf abgekürztem Wege, durch die gleichen 
Irrtümer geschritten ist, wie die, die diese Lehre entdeckt und uns 
überliefert haben. Eine Wahrheit, die man wie vom Himmel ge 
fallen empfängt, ohne zu wissen, mit welchen Anstrengungen sie er 
worben worden ist, ist wie ein mühelos gewonnenes Goldstück: sie 
trägt keinen Nutzen. 
Wir durften jedoch nicht vergessen, daß dieses Buch hauptsäch 
lich für Studierende bestimmt ist, und daß es nützlich ist, ihnen zu 
*) „Was würden wir dabei gewinnen, absurde Meinungen, überwundene, und 
mit Recht überwundene Doktrinen zu sammeln? Es wäre ebenso unnütz wie lang 
weilig, sie auszugraben. Daher wird auch die Geschichte einer Wissenschaft um so 
kürzer, je mehr die Wissenschaft sich vervollkommnet; denn, wie d’Alembert sehr 
richtig bemerkt, je größere Klarheit man über einen Gegenstand gewinnt, um so 
weniger gibt man sich mit den falschen oder zweifelhaften Ansichten ab, die er 
hervorgerufen hat. ... Es kommt nicht darauf an, die Irrtümer zu lernen, sondern 
sie zu vergessen“ (Traite pratique, Bd. II, S. 540).
	        
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