Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Adam  Smith.

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Wir  sind  ihr  schon  mehr  als  einmal  begegnet;'es  ist  das  Selbstinteresse
  oder,  wie  Smith  es  lieber  ausdrückt:  „das  natürliche
Streben  jedes  Menschen,  seine  Lage  zu  verbessern 1 ).“  Z  Hierin  liegt
die  wirkliche,  jedem  Einzelwesen  innewohnende  Triebkraft,  die  das
Leben  und  den  Fortschritt  der  Gesellschaft  sichert.
Zweifellos  ist  sie  nicht  die  einzige.  Smith  ist  niemals  einseitig.
Er  weiß,  daß  es  neben  dem  Eigennutz  noch  andere  menschliche
Leidenschaften  gibt 2 ).  Er  erwähnt  sie  an  verschiedenen  Stellen  —
wie  dort,  wo  er  der  „kindischen  Eitelkeit“  3 )  der  Grundbesitzer  eine
so  bedeutende  und  wohltuende  wirtschaftliche  Umwälzung  wie  die
der  Emanzipation  der  Landarbeiterschaft  zuschreibt.  —  Ohne  Zweifel
ist  Smith  ferner  nicht  darüber  in  Unkenntnis,  daß  der  Eigennutz
nicht  bei  allen  Menschen  gleichmäßig  ausgebildet  ist,  und  daß  die
persönlichen  Beweggründe  die  größte  Mannigfaltigkeit  zeigen.  Man
hat  ihm  vorgeworfen,  dies  übersehen  zu  haben;  man  hat  ihn  angeklagt, ­
  einen  homo  oeconomicus  in  allen  Stücken  konstruiert
zu  haben,  eine  böse  Karikatur  der  Wirklichkeit,  der  sich  wie  ein
Automat  ausschließlich  durch  die  Sorge  um  sein  materielles  Interesse
leiten  läßt.  Die  nationale  Eitelkeit  hat  sich  eingemischt  und  hat
behauptet,  daß  das,  was  er  sage,  vielleicht  von  den  Engländern  und
den  Schotten  wahr  sei;  wenn  er  aber  die  Deutschen  und  die  Franzosen
gekannt  hätte,  die  weniger  gewinnsüchtig  seien,  würde  sein  Urteil
ganz  anders  ausgefallen  sein.  Dies  alles  beruht  aber  auf  einem  Mißverständnis. ­
  Smith  selbst  ist  der  erste  gewesen,  der  darauf  hingewiesen ­
  hat,  daß  sich  seine  Bemerkungen  nicht  auf  alle  Menschen,
sondern  auf  die  Allgemeinheit  der  Menschen  beziehen.  In
jedem  Augenblicke  erinnert  er  daran,  daß  er  von  einem  mit  „gesundem ­
  Menschenverstand“  4  * )  oder  mit  „gewöhnlichem  Verstände“ 6 )
begabten  Menschen  spricht.  Er  weiß  sehr  wohl,  daß  „wenn  auch  nicht
das  Betragen  jedes  Einzelnen  immer  von  den  Regeln  gewöhnlicher
Klugheit  geleitet  wird,  so  herrschen  diese  doch  stets  in  den  Handlungen ­
  der  großen  Mehrzahl 0 )“.  Seine  Beweisführung  soll  sich  daher

‘)  Vgl.  im  besonderen:  I,  S.  202,  B.  II,  Kap.  III;  II,  S.  69,  B.  IV,  Kap.  V;  und
vor  allem;  II,  S.  152,  B.  IV,  Kap.  IX.
2 )  „Ohne  alle  Einmischung  des  Gesetzes  bewegen  also  schon  Privatinteresse  und
Leidenschaften  die  Menschen,  das  Kapital  der  Gesellschaft  unter  die  verschiedenen
Unternehmungen  möglichst  in  dem  Verhältnisse  zu  verteilen,  welches  dem  Interesse
der  ganzen  Gesellschaft  am  angemessensten  ist“  (II,  S.  125,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  3).
Daß  die  Anwendung  des  Wortes  „Leidenschaften“  (oder  Neigungen)  keine  zufällige  ist,
geht  schon  daraus  hervor,  daß  es  sich  dreimal  auf  der  Seite  des  zitierten  Textes  findet.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  243,  B.  III,  Kap.  IV.
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  165,  B.  II,  Kap.  I  am  Ende.
8 )  Völkerreichtum  I,  S.  206,  B.  II,  Kap.  IV  am  Anfang.
9 )  Völkerrecht  um  I,  S.  172,  B.  II,  Kap.  II.
Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  7
            
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