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Erstes Buch. Die Begründer.
Wenn wirkliche Hungersnot sich auch nur noch in Rußland und
Indien findet, so herrscht sie doch mitten unter den zivilisiertesten
Gemeinschaften als physisches Elend, das sich am verheerendsten
in der Tuberkulose äußert. Sie zieht eine erschreckliche Kinder
sterblichkeit und für die erwachsene Arbeiterbevölkerung frühzeitigen
Tod nach sich. Der Krieg fährt fort, die Menschen in Massen nieder
zumähen. Malthüs lebte ja zur Zeit jener Kriege der Eevolution
und des ersten Kaiserreichs, in denen von 1791—1815 in Europa
zehn Millionen blühender, kräftiger Männer umkamen.
Bei zivilisierten Völkern aber läßt sich das Gleichgewicht zwischen
Bevölkerung und Lebensmittelmenge durch menschlichere Mittel her-
stellen, indem nämlich die repressive Hemmung, die in der
Steigerung der Sterblichkeit besteht, durch die prä
ventive Hemmung, die in der Verringerung der Ge
burten besteht, ersetzt wird. Dieser Ausweg steht unter allen
nur dem Wesen offen, das mit Vernunft und Voraussicht begabt ist:
dem Menschen. Wenn er weiß, daß seine Kinder dem Tode geweiht
sind, kann er sich ihrer Zeugung enthalten. Man kann sogar sagen,
daß hierin das einzige, wirklich wirksame Mittel liegt, denn das
repressive Mittel spornt nur die Vermehrung an, wie auch der
gemähte Rasen nur um so dichter wächst. Der Krieg liefert hierfür
einen schlagenden Beweis. In Frankreich steht das Jahr, das dem
entsetzlichen Kriege von 1870/71 folgte, in demographischer Hinsicht
durch die plötzliche Aufwärtsbewegung einzig da, die die schon
fallende Kurve seiner Geburtsziffer zeigte.
Malthüs hat, besonders in der zweiten Ausgabe seines Buches,
die präventiven Mittel eingehender dargestellt und dadurch die
drohenden Aussichten, die die erste eröffnete, abgeschwächt. Es
kommt nun darauf an, zu wissen, was er darunter versteht. In einer
so bedeutsamen Frage, in der die Gedanken des hochwürdigen Pfarrers
von Haileybury so eigentümlich entstellt worden sind, dürfen wir
uns nicht scheuen, die Zitate etwas zu häufen.
Die präventive Hemmung ist für Malthüs die moralische Ent
haltsamkeit — moral restraint. — Was soll man hierunter ver
stehen ? Bedeutet es die Enthaltsamkeit vom geschlechtlichen
Verkehr in der Ehe, sobald die Zahl der Kinder genügend groß ist,
um die Bevölkerung auf gleicher Höhe oder in gemäßigtem Wachstum
zu halten, sobald also etwa drei Kinder erzeugt sind? Nein. Niemals
hat Malthüs die geschlechtliche Enthaltsamkeit in der Ehe be
fürwortet. Wir haben schon gesagt, daß er sechs Kinder (was
wenigstens die Verdoppelung jeder Generation bedeutet) als den
Typus einer normalen Familie bezeichnet. Und dabei stellt er diese
Zahl keineswegs als ein Maximum hin, denn er fügt hinzu: „Vielleicht