Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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Kosten,  die  jede  bis  zu  ihren  äußersten  Schranken  getriebene  Nutzbarmachung ­
  bedingt.  So  erscheint  das  Gesetz  vom  „sinkenden  Bodenertrag“, ­
  auf  das  wir  znrückkommen  werden,  schon  als  die  wirkliche
Grundlage  der  MALTnus’schen  Gesetze,  obgleich  er  nicht  ausdrücklich
darauf  hinweist.
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  in  der  Tat  an  einem  gegebenen
Ort  sich  nicht  mehr  lebende  Wesen  befinden  können,  als  dort  ihren
Lebensunterhalt  finden:  das  ist  ein  Truismus.  Denn  wenn  mehr  vorhanden ­
  sind,  müssen  selbstverständlich  die  Zuvielen  Hungers  sterben  1 ).
Dies  tritt  in  der  Tier-  und  Pflanzenwelt  stets  ein:  die  ungeheuerliche
Vermehrung  der  Keime  der  Lebewesen  wird  durch  den  Tod  unerbittlich ­
  auf  das  zulässige  Verhältnis  zurückgeführt,  und  das  von
der  Notwendigkeit  bestimmte  Niveau  steigt  und  fällt  ebensowenig,
wie  der  Wasserstand  in  einem  gut  regulierten  Behälter  schwankt.
Denn  die  furchtbaren  Verheerungen  des  Todes  werden  ständig  durch
unerschöpflichen  Lebensdrang  wieder  ersetzt.  Bei  den  wilden  Völkern
stirbt  nun  ebenso  wie  bei  wilden  Tieren  ein  großer  Bevölkerungsteil
buchstäblich  Hungers.  Malthus  weist  eingehend  auf  den  Zustand
dieser  primitiven  Gemeinschaften  hin.  Hierin  war  er  ein  Vorläufer
jener  prähistorischen  Soziologie,  die  seit  ihm  bedeutende  Fortschritte
gemacht  hat.
Er  zeigt  sehr  klar,  wie  dieser  Mangel  an  Nahrungsmitteln
hundert  Übel  nach  sich  zieht,  nämlich  nicht  nur  die  große  Sterblichkeit ­
  und  die  Epidemien,  sondern  auch  die  Menschenfresserei,  den  Kindernnd
  Greisenmord  und  besonders  den  Krieg,  der,  auch  wenn  sein  Ziel
nicht  mehr  darin  besteht,  die  Besiegten  aufzufressen,  doch  wenigstens
den  Zweck  hat,  ihnen  ihr  Land  und  die  Lebensmittel,  die  es  hervorbringen ­
  kann,  zu  nehmen.  Das  nennt  er  p  o  s  i  t  i  v  e  oder  repressive
Hemmungen.
Könnte  man  aber  hierauf  nicht  erwidern,  daß  dieser  Mangel  an
Nahrungsmitteln,  bei  den  Wilden,  wie  bei  den  Tieren  mehr  auf  einer
Produktionsunfähigkeit,  als  auf  einer  Übervölkerung  beruhe?
Malthus  erwidert  jedoch  sofort  mit  dem  Hinweis  auf  die  Beibehaltung ­
  vieler  dieser  Gewohnheiten  selbst  bei  so  zivilisierten
Völkern  wie  den  Griechen.  Sogar  bei  modernen  Völkern  bestehen,
‘wenn  auch  abgeschwächt,  diese  Formen  brutaler  Unterdrückung.
*)  Mit  Bezug  hierauf  schrieb  Malthus  den  bekannten,  stets  wiederholten  Satz,
den  man  ihm  beständig  zum  Yorwurf  gemacht  hat,  obgleich  er  von  ihm  schon  in
der  2.  Ausg.  gestrichen  wurde:  „der  in  die  .  .  .  schon  mit  Beschlag  belegte  Welt
Geborene  .  .  .  findet  an  der  großen  Tafel  der  Natur  keinen  für  ihn  gedeckten  Platz.
Die  Natur  befiehlt  ihm,  wieder  zu  verschwinden  und  zögert  nicht,  ihrem  Befehl
nachzuhelfen.“  Hierbei  darf  aber  nicht  vergessen  werden,  daß  Malthus  an  der
Reorganisation  der  öffentlichen  Wohlfahrtsbehörde,  wie  sie  vor  lb32  in  England  bestand, ­
  mitgewirkt  hat.
            
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