146 Erstes Buch. Die Begründer.
so ist die Lösung, die Mälthxjs zum Schluß annimmt, nicht mehr
ausschließlich die der vollkommenen Reinheit: wie er selbst sagt, ist
sie nur die „große Regel der Nützlichkeit; es handelt sich darum,
ganz unbewußt die Gewohnheit anzunehmen, unsere Leidenschaften,
ohne jemandem zu schaden, zu befriedigen“ (S. 530). Mit diesen
Konzessionen waren dem Neomalthusianismus alle Wege bereitet.
Zusammenfassend zeigt uns Malthus den Menschen an einem
dreifachen Scheidewege, einem Trivium: Auf dem mittleren Arm
des Wegweisers lesen wir: „Ins Elend“, auf dem zur Rechten: „Zur
Tugend“ und auf dem zur Linken: „Ins Laster“. Er sieht, wie die
Kraft eines blinden Instinktes den Menschen auf den mittleren Weg,
den Weg „Ins Elend“ treibt. Er beschwört ihn, stark zu bleiben
und einen der beiden seitlichen Wege, wenn irgend möglich, den zur
Rechten einzuschlagen. Aber er fürchtet, daß die Zahl derer, die
seinem Rate folgen, derer, die, wie das Neue Testament sagt, den
schmalen Weg des Heils wählen, nur klein sein wird. Und anderer
seits will er in seiner, ein wenig kindlichen Seele nicht zulassen,
daß alle Menschen den Weg des Lasters gehen, so daß zuletzt die
Furcht, die Menge der Menschen werde der natürlichen abschüssigen
Straße folgen, und so dem Abgrund zueilen, ihn ergreift. Weder das
eine, noch das andere Präventivmittel bietet ihm genügende Sicher
heit, der Zukunft des Menschengeschlechts ruhig entgegen sehen zu
können.
Keine Lehre ist mehr geschmäht worden, als die des Malthus.
Die Verwünschungen, die man gegen ihn schleuderte, fanden kein
Ende, und schon sein Zeitgenosse Godwin nannte ihn „jenes schwarze
und schreckliche Genie, das bereit ist, jede Hoffnung des mensch
lichen Geschlechtes auszulöschen“.
Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus hat man gesagt, daß
alle seine Voraussagungen von den Tatsachen widerlegt worden sind;
vom moralischen Gesichtspunkt aus, daß seine Lehren die widerlichsten
Gewohnheiten erzeugt hätten, und viele Franzosen schreiben ihm die
Verantwortung für den demographischen Niedergang ihres Landes
zu. Was soll man von diesen Kritiken halten?
Sicherlich hat die Geschichte die Befürchtungen Malthus’s nicht
bestätigt; im Gegenteil, sie hat uns auch nicht ein Land gezeigt,
das an Übervölkerung zu leiden gehabt habe. In einigen, wie in
Frankreich, hat die Bevölkerung nur ganz unbedeutend zugenoramen;
in den anderen ist sie stark gestiegen, ohne jedoch das Wachstum
an Reichtum überholen zu können.
Wenn wir das Land in Betracht ziehen, dem Malthus die Daten
seiner Berechnungen entnommen hat, die Vereinigten Staaten, so finden