Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 231 
Von 1814 bis zu seinem Ende verzichtet er teilweise auf seine 
philosophischen Arbeiten, um sich fast ausschließlich der Darlegung 
seiner sozialen und politischen Gedanken zu widmen, die uns hier 
allein interessieren. 
Diese Gedanken lassen sich alle in einer Verherrlichung der Rolle 
der Industrie zusammenfassen, wenn dieses Wort in seinem weitesten 
Sinne genommen wird, fast in dem Sinne, in dem es Adam Smith 
gebraucht hatte, nämlich als synonym mit Arbeit. 
Saint-Simon hat diese Gedanken selbst in einigen eindrucks 
vollen Seiten zusammengefaßt, denen man seitdem den Namen „die 
Parabel Saint-Simon’s“ gegeben hat. 
„Nehmen wir an,“ sagt er, „daß Frankreich plötzlich seine 50 
ersten Ärzte, seine 50 ersten Chemiker, seine 50 ersten Physiologen, 
seine 50 ersten Bankiers, seine 200 ersten Kaufleute, seine 600 ersten 
Landwirte, seine 50 ersten Hüttenbesitzer usw., usw. (er führt so alle 
hauptsächlichsten Professionen auf), verliere. Da diese Männer die 
Hauptproduzenten Frankreichs sind und die bedeutendsten Produkte 
hervorbringen . .., so würde die Nation mit dem Augenblick, in dem 
sie sie verliert, ein Körper ohne Seele werden; sie würde sofort in 
einen Zustand der Inferiorität den Nationen gegenüber versinken 
deren Konkurrentin sie heute ist, und sie würde, solange sie diesen 
Verlust nicht wieder eingebracht hat, solange ihr kein neues Haupt 
gewachsen ist, in dieser Hinsicht in einer untergeordneten Stellung 
verbleiben müssen“ . . . „Gehen wir jetzt zu einer anderen Vor 
aussetzung über. Nehmen wir an, daß Frankreich all die genialen 
Menschen behält, die es in den Wissenschaften, in den schönen Künsten, 
im Handel und Gewerbe besitzt, daß es aber das Unglück habe, 
am gleichen Tage zu verlieren: Monsieur, den Bruder des Königs. 
Mgr. den Herzog von Angouleme (Saint-Simon führt hier alle Mit 
glieder der königlichen Familie auf), und daß es zur gleichen Zeit alle 
Hroß-Offiziere der Krone, alle Staatsminister mit und ohne Portefeuille, 
alle Staatsräte, alle Zeremonienmeister, alle Marschälle, alle Kardinäle, 
Erzbischöfe, Bischöfe, Großvikare und Pröbste, alle Präfekten und 
Unterpräfekten, alle Angestellten der Ministerien, alle Richter und 
darüber hinaus noch zehntausend der reichsten Grundbesitzer, die 
gut leben, verliere, so würde dieser Unglücksfall sicherlich die Fran 
zosen betrüben, weil sie ein gutes Herz haben, .. . aber dieser Verlust 
von dreißigtausend Individuen, von denen man annimmt, daß sie für 
den Staat von der größten Bedeutung sind, würde nur von diesem 
sentimentalen Gesichtspunkte aus Trauer hervorrufen, denn für den Staat 
würde daraus kein politisches Übel irgendwelcher Art erwachsen 1 ). 
’) L’Organisateur, 1. Lieferung, 1819, (S. 10—20). Dieser Absatz wurde 
lm Ja hr 1832 von Olinde Kodkigues unter dem Namen „Parabole politique“ in einem
	        
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