Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d,  Ursprung  des  Kollektivismus.  239

sozialen  „Einsatz“.  Daher  würde  er  sich  auch  ohne  weiteres  mit
einer  Reform  begnügen,  die  lediglich  die  Regierung  beträfe.
Wenn  man  als  Ideal  den  „Industrialismus“  aufstellt,  dessen
Hauptzüge  er  herausgearbeitet  hat,  ist  es  nicht  schwierig,  radikalere
Reformen  zu  verlangen  und  das  ganze  soziale  System  anzugreifen.
Das  ist  die  Aufgabe  der  Saint-Simonisten.  Wir  werden  nun  versuchen, ­
  diese  Entwicklung  vom  „Industrialismus“  zum  „Kollektivismus“
zu  zeigen.

§  2.  Die  Saint-Simonisten  und  die  Kritik  des  Privateigentums. ­

Die  Bücher  Saint-Simon’s  sind  nicht  viel  gelesen  worden.  Sein
Einfluß  lag  hauptsächlich  in  seiner  Persönlichkeit.  Es  gelang  ihm,
bedeutende  Männer  um  sich  zu  sammeln,  von  denen  viele  nach  seinem
Tode  seine  Ideen  verbreiteten.  Von  1814  bis  1817  war  Augustin  Thieeey
sein  Sekretär.  Er  bezeichnete  sich  selbst  als  den  Adoptivsohn  Saint-Simon’s.
  Auguste  Comte  nahm  von  1817  bis  1824  die  gleiche  Stellung
bei  ihm  ein  und  war  Mitarbeiter  an  seinen  Veröffentlichungen.
Olinde  Rodeigues  und  sein  Bruder  Eugene  waren  ebenfalls  unter
seinen  ersten  Schülern.  Zu  ihnen  gesellten  sich  unter  anderen
Enfantin,  ein  früherer  Polytechniker,  und  Bazaed,  ein  alter  Karbonaro,
der  der  politischen  Versuche  überdrüssig  geworden  war.  Gleich  nach
dem  Tode  Saint-Simon’s  gründeten  sie  eine  Zeitung,  L  e  P  r  o  d  u  c  t  e  u  r,
um  die  Gedanken  des  Meisters  zu  verbreiten;  die  meisten  der  dort
erschienenen  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  stammen  von  Eneantin.
Die  Zeitung  bestand  nur  ein  Jahr,  aber  die  Anhänger  der  neuen
Lehre  wuchsen  zu  einer  bedeutenden  Zahl  an.  Alle  waren  sie  überzeugt, ­
  daß  die  Ideen  Saint-Simon’s  die  Grundlage  eines  wirklich
modernen  Glaubens  bildeten  und  bestimmt  seien,  zu  gleicher  Zeit  den
im  Niedergang  begriffenen  Katholizismus  und  den  politischen  Liberalismus ­
  zu  ersetzen,  welch  letzterer  in  ihren  Augen  eine  rein
negative  Lehre  war.
Um  die  geistigen  Bande,  die  sie  schon  vereinten,  zu  stärken,
bildeten  diese  Enthusiasten  unter  sich  eine  Art  Hierarchie.  An  ihrer
Spitze  standen  die  Führer,  „Väter“  genannt,  die  zusammen  das
College  bildeten.  Die  „Sohne“,  die  sich  gegenseitig  mit  „Bruder“
anredeten,  verteilten  sich  auf  verschiedene  „Grade“.  Diesen
denen  an  Fälligkeiten  unterlegen  sind,  die  eine  gleiche  Erziehung  genossen  haben
and  nur  über  ein  mittelmäßiges  Vermögen  verfügen.  Diese  Wahrheit  wird  in  der
positiven  Politik  eine  bedeutende  Rolle  spielen“  (Syst.  In  du  st.,  (Euvers,  V,
S -  49,  Anm.).
            
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