Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Samt-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  247

„Jedes  Individuum  ist  auf  seine  persönlichen  Kenntnisse  angewiesen; ­
  keine  Gesamtanschauung  leitet  die  Produktion:  sie  geht
'wahllos  und  ohne  jede  Voraussicht  vor  sich;  an  einer  Stelle  ist  sie
■zu  gering,  an  einer  anderen  ist  sie  zu  groß;  diesem  Fehlen  einer  allgemeinen ­
  Übersicht  über  die  Bedürfnisse  des  Verbrauches  und  über
die  Hilfsmittel  der  Produktion  müssen  jene  industriellen  Krisen  zugeschrieben ­
  werden,  über  deren  Ursprung  soviel  irrtümliche  Erklärungen ­
  gegeben  worden  sind  und  noch  täglich  gegeben  werden.
Wenn  man  in  diesem  bedeutenden  Zweige  der  sozialen  Tätigkeit  soviele
  Störungen  und  soviel  Unordnung  auftreten  sieht,  so  beruht  das
■darauf,  daß  die  Verteilung  der  Arbeitsmittel  von  Einzelindividuen ­
  ausgeführt  wird,  die  weder  von  den  Bedürfnissen ­
  der  Industrie,  noch  von  denen  der  Menschen,
noch  den  Mitteln,  durch  die  sie  zufrieden  gestellt  wer  den
könnten,  irgend  etwas  wissen;  hierin  allein  liegt  die  Ursache
des  Übels“ 1 ).
Um  dieser  angeblichen  „wirtschaftlichen  Anarchie“  zu  entgehen,
—  die  später  so  oft  beschrieben  wmrden  ist,  —  sehen  die  Saint-Simonisten
keinen  anderen  Ausweg,  als  den  Kollektivismus 2 ).  Der  Staat  wird
•der  einzige  Erbe.  Im  Besitz  aller  Arbeitsmittel  verteilt  er  sie  zum
Besten  des  allgemeinen  Interesses.  Sie  stellen  sich  die  Regierung
■wie  eine  große  Zentralbank  vor,  die  alle  Kapitalien  verwaltet  und
kn  Besitze  zahlreicher  Filialen  ist.  Diese  „bankartige  Regierung“
befruchtet  auch  die  entferntesten  Gegenden,  denen  sie  die  notwendigen ­
  Hilfsmittel  zuführt.  Sie  wählt  die  fähigsten  Leute  aus,  um
sie  anzustellen  und  gemäß  ihrer  Arbeit  zu  entlohnen.  So  würde  eine
«soziale  Einrichtung“  mit  den  Funktionen  betraut  sein,  die  heute  von
den  Individuen  so  schlecht  erfüllt  werden 8 ).
*)  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  191,  192.
2 )  Die  Saint-Simonisten  gebrauchen  dieses  Wort  noch  nicht,  beschreiben  aber
die  Sache  sehr  gut.
3 )  „Wir  werden  diese  Einrichtung  vorläufig  durch  das  Wort  Sy  steme  general
de  banques  (allgemeines  Banksystem)  bezeichnen,  machen  aber  jeden  Vorbehalt
betreff  der  eng  umschriebenen  Auslegung,  die  man  heute  diesem  Worte  geben  könnte.
Dieses  System  würde  zunächst  eine  Zentralbank  umfassen,  die  die  Begierung
'erstellt,  und  zwar  in  materieller  Hinsicht;  diese  Bank  würde  die  Verwalterin
Mlen  Keichtums,  des  ganzen  Produktionfonds  und  aller  Arbeitsinstrumente  sein,
®üt  einem  Wort  alles  dessen,  was  heute  die  Menge  des  individuellen  Eigentums
ausmacht.  —  Von  dieser  Zentralbank  würden  Banken  zweiter  Ordnung  abhängen,
die  nur  ihre  Fortsetzung  sind,  und  durch  die  sie  sich  in  steter  Verbindung  mit  den
Hauptplätzen  halten  würde,  um  die  Bedürfnisse  und  die  Produktivkraft  derselben
? u  kennen.  Diese  Banken  zweiter  Ordnung  würden  wieder  in  dem  Bezirk,  der
ümen  untersteht,  mehr  und  mehr  spezialisierten  Banken  vorstehen,  die  ein  engeres
beld  umfassen  sollen,  wie  immer  schwächere  Wurzeln  am  Baum  der  Industrie.
" e i  den  oberen  Banken  würden  alle  Bedürfnisse  zusammenlaufen;  von  ihnen
            
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