Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  1.  Die  Physiokraten.

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Regierungen  nur  diese  Zusammenhänge  kennen  zu  lernen  brauchten,
um  ihr  Verhalten  danach  zu  richten.  Wenn  man  sagt,  daß  ihre  Auffassung ­
  der  wirtschaftlichen  Gesetze  in  Form  einer  Vorsehung  nichts
mit  der  der  Positivisten  und  Deterministen  gemein  hatte,  daß  sie  zu
oft  Zusammenhänge  in  der  Natur  gesehen  haben,  die  nur  in  ihrer
Einbildung  bestanden,  daß  ihnen  Adam  Smith,  sowohl  in  der  Kunst,
die  Erscheinungen  zu  beobachten,  wie  in  der  Gabe,  sie  darzustellen,
und  besonders  in  seinen  definitiven  Beiträgen  zur  Wissenschaft  der
Nationalökonomie  weit  überlegen  war,  so  ändert  dies  nichts  au  der
Tatsache,  daß  sie  den  Weg  eröffnet  haben,  auf  dem  A.  Smith  und
ein  ganzes  folgendes  Jahrhundert  weitergeschritten  sind.  Es  ist
übrigens  bekannt,  daß  A.  Smith  gesagt  hat,  er  würde  sein  Werk
Dr.  Qüesnay  gewidmet  haben,  wenn  dieser  nicht  3  Jahre  vor  der
Herausgabe  gestorben  wäre.
Die  Physiokraten  haben  auch  die  erste  nationalökonomische
„Schule“  im  engsten  Sinne  des  Wortes  gebildet.  Aus  der  vollständigen ­
  Übereinstimmung  ihren  Lehren  ')  ergab  sich  die  fast  einzigartige ­
  und  ergreifende  Tatsache,  daß  diese  kleine  Gruppe  von  Männern
in  der  Geschichte  unter  diesem  anonymen  Sammelnamen  verzeichnet
steht,  in  dem  ihre  Namen  und  Persönlichkeiten  wie  verloren  sind.
Ihre  Bücher  folgten  sich  in  kurzen  Abständen  innerhalb  eines
Zeitraumes  von  etwa  20  Jahren  (1756—1778) 2 ).
b  „Die  wahren  Ekonomisten  sind  leicht  zu  charakterisieren  ...  Sie  erkennen
einen  Meister  an,  Dr.  Qüesnay;  eine  Lehre,  die  der  Agrar-Philosophie  (la
Philosophie  rurale)  und  der  ökonomischen  Analyse  (Fanalyse  economique);
klassische  Werke:  die  Physiokratie;  eine  Formel;  le  Tableau  economique;
eine  Terminologie,  genau  wie  die  alten  chinesischen  Gelehrten.“  —  Diese  Definition
der  Physiokraten,  die  uns  einer  von  ihnen,  der  Abbe  Baüdeau  (Ephemerides,
April  1776)  ohne  jeden  Hintergedanken  —  im  Gegenteil!  —  gibt,  zeigt  doch,  daß
es  wirklich  etwas  dogmatisches  und  ein  wenig  chinesisches  in  der  physiokratischen
Schule  gah.
2 )  Der  erste,  nicht  mir  chronologisch,  sondern  als  der  von  allen  anderen  anerkannte ­
  Führer,  war  Dr.  Qüesnay  (1694-1774),  Leibarzt  des  Königs  Ludwig  XV.
und  der  Ime  de  Pompadour.  Er  hatte  eine  beträchtliche  Anzahl  von  medizinischen
Büchern  herausgegeben,  besonders  im  Jahre  1736:  Essai  physiquesurl’economie
animale  (Physikalische  Abhandlung  über  tierische  Ökonomie),  als  er  sich  mit  ökonomischen ­
  und  speziell  mit  agrar-ökonomischen  Fragen  zu  befassen  anflng:  zuerst  in
der  Form  von  Beiträgen  zu  der  Großen  Enzyklopädie  über  die  Pächter  und  über
die  Körnerfrüchte  (1766—1757),  dann  in  seinem  berühmten  „Tableau  economique“ ­
  (Volkswirtschaftliches  Schaubild)  —  (1758  als  er  64  Jahre  alt  war)  und
1760  in  seinen  „Maximes  generales  du  gouvernement  economique  d’un
royaume  agricole“  (Allgemeine  volkswirtschaftliche  Kegierungsgrnndsätze  eines
Agrar-Königreiohes),  die  nur  die  Erweiterung  des  vorhergehenden  Buches  sind.
Im  ganzen  hat  er  wenig  geschrieben;  wie  bei  Sokrates  liegt  sein  hauptsächliches ­
  Wirken  in  seinem  Einflüsse  auf  seine  Schüler.
Die  beste  Ausgabe  der  Werke  Quesnay’s  ist  von  dem  Berner  Professor  Oncken
herausgegeben:  Oeuvres  economiqnes  et  philosophiques  de  F.  Qüesnay,
1*
            
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