Kapitel Y. Proudhon und der Sozialismus von 1848.
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Wie soll aber das bestehende System reformiert werden? Was
soll an seine Stelle treten? Hierin liegt die Schwierigkeit. Wenn
Proudhon 20 Jahre früher geboren worden wäre, würde er, wie so
viel andere, wahrscheinlich irgendeine Utopie erdacht haben. Was
aber 1820 möglich war, war 25 Jahre später unmöglich. Die ver
schiedensten sozialistischen Systeme hatten schon die Öffentlichkeit
beschäftigt. Owen, die Saint-Simonisten, Fourier, Gäbet und Louis
Blanc haben ihre Heilmittel ungebeten. Fast alle Wege, die der
Phantasie der Reformatoren offen standen, waren schon vor ihm ver
sucht worden. Proudhon kennt alle diese Versuche, untersucht sie
und kommt zu dem Schluß, daß sie alle in einer Sackgasse endigen.
So schließt sich der Kritik der Ökonomisten die des Sozialismus an.
Es handelte sich also darum, einen Ausweg zu finden, die Fehler
■des Privateigentums zu verbessern, ohne doch in die „unheilbare
Dummheit“ des Sozialismus zu verfallen. Instinktiv weist er alle
Utopien zurück. Die Erfinder, die die Gesellschaft wie eine Maschine
behandeln möchten und glauben, daß es nur nötig sei, irgend einen
geistreichen „Trick“ zu finden, um allen Erschütterungen vorzubeugen
und die Maschine im Gang zu halten, sind ihm zuwider. Für ihn
ist das soziale Leben ein beständiger Fortschritt 1 )- Er weiß, daß es
Zeit braucht, um die widerstrebenden Kräfte, die in einer Gesellschaft
aufeinander stoßen, zu versöhnen. Mit der Lösung dieser schwierigen
Aufgabe beschäftigt, wurde Proudhon durch den Ausbruch der
Revolution von 1848 zu tatkräftigem Eingreifen gezwungen und in
■die Notwendigkeit versetzt, seinen Ideen eine konkrete, leicht faßliche
Form zu geben. Anstatt zu kritisieren, soll er jetzt aufbauen! So
zimmert er, fast gegen seinen Willen, eine Utopie zurecht: Die
Tauschbank (La Banque d’echange).
‘) Philosophie du progres, (Buvres, Bd. XX, S.19: „Da das wesentliche
•des Geistes die Bewegung ist, — ist die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit, und zwar
ebenso in der Natur, wie in der Zivilisation, wesentlich historisch, und dem Fort
schritt, der Umwandlung, der Entwicklung und der Verwandlung unterworfen.“ In
den Contradictions economiques sagt er: „Die soziale Wissenschaft ist die auf
■die Vernunft gegründete, systematische Kenntnis, nicht dessen, was die Gesellschaft
gewesen ist, nicht dessen, was sie sein wird, sondern dessen, was sie in ihrem
ganzen Leben ist, d. h. was sie in der Gesamtheit ihrer aufeinander folgenden
Kundgebungen ist, denn nur da kann es Vernunft und System geben (Bd. I, S. 43).
Indem wir diesen Begriff z. B. auf die Organisation der Arbeit anwenden, „sagen
V'ir nicht, wie die Volkswirtschaftler, daß sie schon organisiert sei, noch auch wie
die Sozialisten, daß sie organisiert werden müsse, sondern, daß sie sich organisiere,
d- h,, daß sie seit dem Anbeginn damit beschäftigt sei, sich zu organisieren, und
damit bis zum Ende der Dinge fortfahren werde .. .; die ganze Aufgabe der Wissen
schaft besteht darin, auf Grund der vorliegenden Ergebnisse und der in der Bildung
begriffenen Phänomen beständig danach zu suchen, welches die sofort verwirklich
baren Neuerungen sind“ (Bd. I, S. 45).