Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 421
der Individualisten, die Kommunisten für die Gesamtheit verwirklichen
wollten.
Daher muß es durch eine „Assoziationsform ersetzt werden, die,
wie man hoffen kann, wenn die Menschheit im Fortschritt fortfährt,
endlich zur Vorherrschaft kommen wird, und zwar nicht mehr die
Form, die heute zwischen dem Kapitalisten als Herrn und den Lohn
empfängern ohne jeden Einfluß auf die Leitung besteht, sondern eine
Genossenschaft zwischen Arbeitern selbst, die, untereinander voll
ständig gleich, zusammen das in dem Unternehmen angelegte Kapital
besitzen, und die nur selbst gewählten Direktoren gehorchen, die sie
selbst auch wieder absetzen können“ 1 ). Diese kooperative Lösung, die
er „ein edles Ideal“ nennt, kam ihm nicht von Owen, sondern von dem
französischen Assozialismus, der sie als Allheilmittel gepriesen hatte
und sie 1848 zu einer glänzenden, wenn auch nur ephemeren Blüte
brachte. Man weiß, daß Stuakt Mill nicht der einzige gewesen ist,
der von dem Schemen der Produktivgenossenschaft verführt wurde;
wie wir später sehen werden, beruhte die englische Bewegung, die den
Namen „christlicher Sozialismus“ trug, direkt auf diesen Gedanken.
Stuart Mill lebte jedoch lange genug, um den Niedergang der
Produktivgenossenschaften in Frankreich und den Aufschwung der
Konsumgenossenschaft in England zu sehen. Anscheinend hat ihm
aber dieser Gegensatz keine Veränderung seiner Auffassung der
Produktivgenossenschaft als Emanzipationsmittel nahe gelegt 2 ).
Übrigens läuft eins wie das andere stets auf eine Emanzipation des
Arbeitenden „durch eigene Kraft“ hinaus.
b Principles, B. IV, Kap. 7, § 6. „Ausgenommen im Falle, daß es dem
militärischen Despotismus, der heute auf dem Kontinent triumphiert, gelingt, seine
verbrecherischen Anschläge gegen den menschlichen Fortschritt auszuführen, ist es
sicher, daß die Lage des Lohnempfängers bald nur den Arbeitern genügen wird,
deren moralischer Tiefstand sie der Unabhängigkeit unwürdig macht, und daß das
Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch die Assoziation in einer
der beiden folgenden Formen ersetzt werden wird: in gewissen Fällen zeitweilige
Assoziation der Arbeiter mit dem Unternehmer; in anderen Fällen, und zuletzt in
allen, Assoziation der Arbeitnehmer untereinander“ (B. IV. Kap. 7, § 4).
„Auf diese oder auf eine andere Weise würden die bestehenden Kapital
ansammlungen ehrlich und ganz spontan zum Schluß das Eigentum derer werden,
die sich ihrer zur Produktion bedienen. Eine solche Umformung der Gesellschaft
würde die der sozialen Gerechtigkeit am nächsten kommende Form sein; eine Form,
die für die Organisation der Industrie im Interesse aller die dienlichste ist, die man
sich heute als möglich vorstellen kann“ (8. 323 d. franz. Übers.).
2 ) Doch hat ihm wahrscheinlich der Aufschwung der Konsumgenossenschaften
den Gedanken eingegeben, dem er verschiedentlich Ausdruck gibt, und dessen Be
deutung nicht gering ist, daß der unbilligerweise von den Verbrauchern durch die
Zwischenhändler erhobene Tribut größer ist als der, den die Kapitalisten von den
Lohnempfängern erheben, und daß die Arbeitenden noch mehr von der Abschaffung
des ersteren, als der des zweiten gewinnen würden.