Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 449
Gesetzen zu begründen, so erscheint dies vielen, vielleicht sogar der
Mehrzahl der Yolkswirtschaftler als ungerechtfertigt 1 )
b) Die Anhänger der historischen Schule werfen weiterhin den
■ersten Ökonomisten vor: daß ihre Psychologie eng und ungenügend
gewesen sei. Adam Smith, Say und Ricaedo betrachten das Selbst
interesse als den einzigen Beweggrund aller menschlichen Handlungen.
Sie bilden sich ein, daß der Mensch einzig und allein von der Jagd
nach dem Gewinn beherrscht sei. Die Anhänger der historischen
Schule sagen nun, daß das Interesse, sogar in wirtschaftlicher Hin
sicht, durchaus nicht der einzige Beweggrund menschlichen Handelns
sei. Hierin, wie in anderen Dingen, gehorche der Mensch den ver
schiedensten Triebfedern: der Eitelkeit, der Ruhmsucht, dem Tätig
keitstrieb, Pflichtgefühl, Mitleid, Wohlwollen, der Nächstenliebe, oder
einfach der Gewohnheit. Knies sagt: „Den Menschen unwandelbar
und allgemein in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit nur von eigen
nützigen Motiven geleitet hinstellen, ist tatsächlich entweder gleich
bedeutend mit der Ableugnung aller edleren und besseren Motive
in jeglichem Beginnen des Menschen, oder mit der Lehre, daß jeder
Mensch so und so viele selbständig nebeneinander wirkende Mittel
punkte seines geistigen Lebens habe“ 2 ).
Daß die Klassiker im persönlichen Interesse (nicht im Egoismus,
wie Knies sagt, indem er diesem Wort einen erniedrigenden Sinn
gibt), den Ursprung und die grundlegende Erklärung der wirtschaft
lichen Tatsachen gesehen haben, wird niemand bestreiten. Die An
hänger der historischen Schule scheinen sich aber auch hier getäuscht
zu haben, indem sie ihrer Beobachtung eine viel zu große Tragweite
gaben. Damit beschäftigt, die Wirklichkeit in ihrer ganzen kompli
zierten Zusammensetzung zu erfassen, und mehr für das Spezielle und
Charakteristische als für das Allgemeine und Universelle interessiert,
haben die Anhänger der historischen Schule vergessen, daß die Volks
wirtschaft als Wissenschaft die wirtschaftlichen Tatsachen als
Massentatsachen betrachtet. Die klassischen Volks Wirtschaftler
bemühten sich das Allgemeine, nicht das Individuelle zu studieren.
Und ist denn im Wirtschaftsleben, wenn man davon absieht, daß in
irgendeinem Spezialfall persönliche Neigungen dieses oder jenes Be
teiligten Unterschiede herbeiführen können, der beständigste Beweg
grund für jede Handlung nicht gerade der egoistische Wunsch
des Wohlseins oder des Gewinnes? Das ist die Meinung Adolf
V'agnee’s, der sich in diesen Fragen der Methode mit Entschieden-
1 ) Gewisse Schriftsteller gehen jedoch eine vollständige Assimilation nicht zu.
Z. B. Wagnee, Grundlegung, Bd. I, S. 335.
2 ) Knies, op. cit, S. 232.
Olde und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.
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