Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen,

Wirtschaft  nur  ein  Zweig  ist,  „nicht  eine  Wissenschaft  positiver
Voraussagen,  sondern  nur  eine  Wissenschaft  von  Tendenzen  sein“.
Klarer  kann  niemand  den  nur  „relativen“  Wert  der  wirtschaftlichen
Gesetze  ausdrücken.
Wie  dem  nun  auch  sei,  die  modernen  Volkswirtschaft!er  haben
die  Kritiken  der  Anhänger  der  historischen  Schule  für  genügend  begründet ­
  befunden,  um  in  größerer  Genauigkeit  einen  Schutz  gegen
ähnliche  Vorwürfe  zu  suchen.  Unter  anderem  definiert  Maeshall
die  wirtschaftlichen  Gesetze,  indem  er  den  Ausdruck  Mill’s  wiederaufgreift, ­
  als  „einen  Ausdruck  wirtschaftlicher  Tendenzen“ 1 ).
Ihrerseits  haben  die  Gründer  der  reinen  Ökonomik,  deren  Methode
sich  am  klarsten  von  der  der  historischen  Schule  unterscheidet,  die
gleiche  Vorsicht  angewendet.  Sie  gründen  ihre  Schlußfolgerungen
ausdrücklich  und  absichtlich  auf  eine  Auswahl  einer  gewissen  Anzahl
vorher  angeführter  Hypothesen,  deren  sichere  Verwirklichung  sie  sich
wohl  hüten  zu  behaupten.  „Die  reine  Ökonomik“,  sagt  Waleas,
„muß  der  Erfahrung  typische  Bilder  für  den  Tausch,  das  Angebot,
die  Nachfrage,  die  Kapitalien,  die  Einkünfte,  die  produktiven  Dienste
und  die  Produkte  entlehnen.  Von  diesen  wirklichen,  typischen  Bildern
muß  sie  durch  Definition  ideelle  Typen  abstrahieren,  und  ihre
Schlußfolgerungen  auf  diese  letzteren  aufbauen,  um  zur  Wirklichkeit
nur  zum  Zweck  der  Anwendung  zurückzukehren,  wenn  die  Wissenschaft ­
  abgeschlossen  ist 2 )-“  Die  reine  Ökonomik  untersucht  zum
Beispiel  die  Wirkungen  der  Konkurrenz,  nicht  unter  der  unvollkommenen
Form,  in  der  sie  sich  in  Wirklichkeit  uns  darbietet,  sondern  wie
sie  auf  einem  hypothetischen  Markt  funktionieren  würde,  wo  alle
Kontrahenten  ihre  wirklichen  Interessen  genau  kennen  und  ihnen  in
voller  Freiheit  und  in  vollständiger  Öffentlichkeit  nachgehen  können.
Der  Begriff  eines  Grenzzustandes  dieser  Art  gestattet,  wie  durch  ein
Vergrößerungsglas,  die  Folgen  einer  Hypothese  zu  untersuchen,  wie
sie  uns  die  Wirklichkeit  nie  mit  voller  Klarheit  bietet.
Man  kann  die  Vorteile  dieser  Methode  bestreiten,  aber  man  kann
nicht  behaupten,  daß  ihre  Urheber  die  Relativität  der  so  gewonnenen
wirtschaftlichen  Gesetze  verheimlicht  hätten.
Man  mag  den  Anhängern  der  historischen  Schule  dafür  danken,
daß  sie  diesen  Charakterzag  in  einem  Augenblick  klar  hervorhoben,
an  dem  einige  Volks  Wirtschaftler  ihn  vergessen  zu  haben  schienen.
Man  kann  aber  behaupten,  daß  er  heute  von  allen  im  vollen  Umfang
anerkannt  ist.  Wenn  sich  Knies  dazu  anschickt,  hierauf  eine  absolute ­
  Unterscheidung  zwischen  natürlichen  und  wirtschaftlichen

*)  Makshall,  Principles  of  economics,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.
2 )  Waleas,  Ecouomie  Politique  pure,  4.  Ausg.,  S.  20.
            
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