Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 455 
Verursachung der Yerkehrsvorgänge nahe kommen kann, 
als die isolierende Abstraktion und die logische De 
duktion. Das einzige induktive Verfahren, welches daneben in 
Frage kommen kann, das statistische, ist für die meisten hierher 
gehörigen Probleme nicht fein und eindringend genug und kann 
nur als ergänzendes oder kontrollierendes Hilfsmittel herangezogen 
werden“ 1 ). 
§ 3. Die positiven Ideen der historischen Schule. 
Wahrscheinlich wären die Kritiken, die die Anhänger der histori 
schen Schule gegen die Methoden der Klassiker erhoben, nicht so 
scharf gewesen, wenn sich in ihnen nicht eine vollständig verschiedene 
Auffassung der Rolle und des Zweckes der Nationalökonomie ver 
borgen hätte. Hinter diesen Kritiken liegt, mehr oder weniger deutlich 
ein prinzipieller Gegensatz. Wenn die „junge historische Schule“ 
heute einige ihrer Hoffnungen aufgegeben hat, — so träumten doch 
die ersten Anhänger, wie wir gesehen haben, von einer vollständigen 
Erneuerung der Wissenschaft. In welchem Sinn und auf welche 
Weise sollte dies nun geschehen? Es ist von Bedeutung, Klarheit 
hierüber zu haben. Die positive Auffassung, die sich die historische 
Schule von der Ökonomik gemacht hat, ist für die Geschichte der 
Doktrinen noch interessanter, als ihre kritische Leistung. Denn in 
ihr liegt ein geistiger Gegensatz, den man zu fast allen Zeiten in 
der Geschichte unserer Wissenschaft findet. 
Das wirtschaftliche Leben kann von zwei verschiedenen Gesichts 
punkten aus betrachtet werden, die man als den mechanischen 
und den organischen unterscheiden kann; auf den einen stellen 
sich die verallgemeinernden Denker, deren Höchstes die Einfachheit 
ist; der andere drängt sich ganz natürlich denen auf, die durch 
die beständigen Wandlungen der konkreten Wirklichkeit angezogen 
werden. 
Die ersten Volkswirtschaftler gingen in der Mehrzahl vom 
mechanischen Gesichtspunkt aus. Unter der Menge der sozialen 
Phänomene haben sie sich meistens begnügt, die zu studieren, die 
eine im wesentlichen mechanische Erklärung gestatten. Die Preis 
schwankungen, das Steigen und Fallen des Zinsfußes, des Lohnes und 
der Bodenrente, die Anpassung der Produktion an die Nachfrage unter 
der Herrschaft der freien Konkurrenz erscheinen ihnen als die Wir 
kungen der fast automatischen Tätigkeit menschlicher Moleküle, die 
') Kahl Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft, 3. Ausg. 
(1901) S. 173.
	        
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