Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  457

nicht,  um  uns  über  seine  Vielgestaltigkeit  Rechenschaft  zu  geben.
Sie  zeigt  uns  wohl  gewisse  sehr  allgemeine  Erscheinungen,  aber  sie
ermöglicht  es  uns  nicht,  ihre  konkreten  und  besonderen  Charakterzüge
zu  verstehen.
Woher  kommt  nun  dieser  Mangel?  Er  beruht  darauf,  daß  die
mechanische  Auffassung  die  wirtschaftliche  Tätigkeit  des  Menschen
aus  dem  wirklichen  Milieu,  in  dem  sie  sich  vollzieht,  isoliert.  Die
wirtschaftlichen  Handlungen  des  Menschen  stehen  in  enger  Verbindung ­
  mit  der  Gesamtheit  der  Bedingungen,  unter  denen  er  lebt.
Ihr  Charakter  und  ihre  Wirkungen  sind  von  Grund  aus  verschieden,
je  nach  dem  physischen,  sozialen,  politischen  und  religiösen  Milieu,
in  dem  sie  sich  vollziehen.  Die  geographische  Lage  eines  Landes,
seine  natürlichen  Hilfsquellen,  die  wissenschaftliche  und  künstlerische
Kultur  seiner  Bewohner,  ihr  moralischer  und  intellektueller  Charakter,
ihr  Eegierungssystem  bestimmen  die  Natur  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen, ­
  die  sie  aufgerichtet  haben,  beeinflussen  den  Grad  des
Wohlstandes  oder  des  Reichtums,  dessen  sie  sich  erfreuen.  Allerdings ­
  müssen  die  allgemeinen  Funktionen  der  Gütererzeugung,  der
Verteilung  und  des  Austausches  in  allen  Gesellschaften  vor  sich
gehen.  Aber  jede  menschliche  Gemeinschaft  stellt  ein  besonderes
organisches  Milieu  vor,  dem  sich  diese  Funktionen  anpassen  müssen,
und  das  infolgedessen  dem  wirtschaftlichen  Leben  einer  jeden  seinen
besonderen  Stempel  aufgedrückt.  Wenn  man  daher  alle  verschiedenartigen ­
  Seiten  dieses  Lebens  verstehen  will,  muß  man  die  wirtschaftliche ­
  Tätigkeit  nicht  nur  isoliert,  sondern  in  ihren  Beziehungen  zu
dem  sozialen  Milieu  betrachten,  das  allein  das  Verständnis  der
charakteristischen  Züge  gestattet 1 ).
Das  ist  eine  der  historischen  Schule  teuere  Grundidee.  Aus  ihr
ergibt  sich  dann  sogleich  eine  weitere.
Das  soziale  Milieu  ist  nämlich  nicht  etwas  Feststehendes.  Es
ist  beständigem  Wechsel  unterworfen;  es  bildet  sich  um  und  entwickelt ­
  sich;  es  ist  niemals  in  zwei  verschiedenen  Zeitpunkten
gleich;  und  jeder  dieser  aufeinander  folgenden  Zustände  erfordert
eine  Erklärung.  Wo  sollen  wir  diese  Erklärung  finden?  In  der
Geschichte.

! )  Roscher:  „Wie  jedes  Leben,  so  ist  auch  das  Volksleben  ein  Ganzes,  dessen
verschiedenartige  Äußerungen  im  Innersten  Zusammenhängen,  Wer  daher  eine  Seite
desselben  wissenschaftlich  verstehen  will,  der  muß  alle  Seiten  kennen.  Und  zwar
sind  es  vornehmlich  folgende  sieben  Seiten,  welche  hier  in  Betracht  kommen:  Sprache,
Religion,  Kunst,  Wissenschaft,  Recht,  Staat  und  Wirtschaft.“  System  der  Volkswirtschaft, ­
  Bd.  I,  Grundlagen  der  Nationalökonomie,  22.  Aufl.  bearbeitet  von
Robert  Pöhlmann,  Stuttgart  1897  S.  41.  Vgl.  auch  Hildebeand:  Nationalökonomie ­
  der  Gegenwart  nsw.  S.  29,  Genau  so  denkt  auch  Kkibs.
            
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