Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 463
Schule wollte mehr oder weniger, hauptsächlich mit Knies, eine soziologische
Auffassung der Nationalökonomie durchsetzen. Davon rühren
gewisse Analogien her, über die Knies sich erst viel später Rechenschaft
gegeben hat, die aber die „junge historische Schule“ nicht
verkannte. Nur bestanden unter ihnen ganz wesentliche Unterschiede
in den Gesichtspunkten, die eine Verschmelzung der beiden Richtungen
nicht gestatteten.
Zunächst hatte Comte „das tiefe Gefühl der unabänderlichen
Gesetze“ x ), das den Begründern der historischen Schule völlig abging.
Andererseits verstand er unter historischer Methode etwas ganz verschiedenes
von dem, was die Historiker damals und noch heute unter
diesen Worten verstehen.
Indem er einen Gedanken Saint-Simon’s anwendet, nennt Comte
„historische Methode“ die Aufstellung von ansteigenden und abfallenden
Reihen der wichtigsten Arten sozialer Tatsachen. Er zieht,
wenn man so sagen darf, die Kurve jeder Einrichtung —- und schließt
aus ihrer Richtung auf ihren wahrscheinlichen Fortschritt oder Verfall.
Er definiert dieses Verfahren selbst wie folgt: „Das Wesen
dieser historischen Methode im eigentlichen Sinne scheint mir in dem
rationellen Gebrauch sozialer Reihen zu bestehen, nämlich in aufeinanderfolgender
Würdigung der verschiedenen Zustände des Menschengeschlechts,
die, auf Grund der Gesamtheit der historischen Tatsachen,
das beständige Wachstum jeder beliebigen physischen, intellektuellen,
moralischen oder politischen Anlage, im Zusammenhang mit dem andauernden
Sinken der gegenteiligen Anlage aufzeigen; hierauf muß
sich dann die wissenschaftliche Voraussage von dem endgültigen
Aufstieg der einen und dem definitiven Verfall der anderen ergeben,
vorausgesetzt, daß eine solche Schlußfolgerung in jeder Hinsicht vollständig
in Übereinstimmung mit dem System der allgemeinen Gesetze
menschlicher Entwicklung steht, dessen unentbehrliches, soziologisches
Übergewicht niemals verkannt werden darf“ * 2 j. — Auf Grund dieser
Methode hatte Saint-Simon das Kommen des Industrialismus vorausgesagt,
und auf Grund der gleichen Methode sagte Comte den Triumph
des Positivismus über den metaphysischen und religiösen Geist voraus.
Zwischen dem ebengesagten, und dem, was man heute die historische
Methode nennt 3 ), liegt ein weiter Abstand, und die Behauptung, daß
*) A. Comte, ebenda, S. 139, 143, 147.
2 ) A. Comte, ebenda, S. 328.
3 ) Es ist interessant, die Meinung der Geschichtsforscher über diesen Punkt
zu hören. Nach E. Meyee liegt der Zweck der Geschichte nicht darin, allgemeine
Entwicklungsgesetze zu entdecken, — sondern die konkreten und besonderen Ereignisse
in ihrem Zusammenhang, sowie ihre Aufeinanderfolge zu beschreiben und
zu erklären. Um sie zu beschreiben, gebraucht sie die Regeln der historischen
Kritik; — um sie zu erklären, gebraucht sie im wesentlichen die Analogie. „Das