Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  461

sage  läßt  sich  nur  auf  Tatsachen,  die  sich  wiederholen,  anwenden.
Gegenüber  einer  Tatsache,  deren  bezeichnendster  Zug  gerade  darin
liegt,  einzigartig  zu  sein,  ist  sie  unmöglich.  Man  kann  sehr  wohl
versuchen,  die  Zukunft  zu  erraten,  aber  erraten  ist  nicht  wissen;  und
Prophezeiungen  dieser  Art  sind  fast  stets  fehlgeschlagen  *).  —  Auch
die  historischen  Parallelitäten  beruhen  auf  keiner  festeren  Basis.
Eine  Nation  ist  nicht  mit  einem  lebenden  Organismus  vergleichbar,
der  notwendigerweise  durch  die  Jugend,  das  Mannesalter  und  das
Greisenalter  hindurch  geht.  Nichts  berechtigt  uns  zu  dem  Glauben,
daß  die  aufeinander  folgenden  Zustände,  die  eine  Nation  durchläuft,
der  Prototyp  sei,  dem  die  anderen  folgen  werden.  Höchstens  könnte
man  sagen,  daß  die  gleichen  Ereignisse,  die  sich  in  zwei  Nationen
einer  verwandten  Zivilisation  begeben,  analoge  Wirkungen  nach  sich
ziehen  werden.  So  hat  die  große  Industrie  in  den  meisten  der  westeuropäischen ­
  Gesellschaften  gleiche  Phänomene  hervorgerufen.  Es
folgt  aber  daraus  nicht,  daß  man  hierin  ein  besonderes  Gesetz  sehen
müsse.  Es  ist  dies  einfach  die  Anwendung  des  Prinzips:  gleiche  Ursachen, ­
  gleiche  Wirkungen.  Diese  Analogien  bleiben  stets  zu  zweifelhaft, ­
  um  als  Gesetze  bezeichnet  werden  zu  können.  „Wahrscheinlich“
sagt  Adolf  Wagner,  „übersteigt  die  Aufgabe,  solche  Gesetze  oder
ein  solches  Gesetz  zu  finden,  selbst  wenn  sie  bestehen,  die
Leistungsfähigkeit  der  menschlichen  Geisteskräfte“ 2 ).  Wir  haben
weiter  oben  gesehen,  daß  Schmollee  selbst  in  dieser  Hinsicht  den
■Skeptizismus  seines  Kollegen  teilt.
Bevor  wir  schließen,  müssen  wir  hier  eine  Bemerkung  einschieben  ...

')  Über  diese  neue  Auffassung  sagt  ein  Philosoph,  Eenouvibr:  „Sobald  man  sich
.eine  andere  Frage,  als  die  schon  ziemlich  schwierige  über  das  Wo,  Wann  und  Wie,
und  in  bezug  auf  welche  Gegenstände  die  verschiedenen  Völker  im  Guten  und  Wahren
Fortschritte  oder  Eückschritte  gemacht  und  ihre  Erwerbungen  oder  Verluste  nachkommmenden
  Geschlechtern  übermittelt  haben,  vorlegt;  sobald  man  ein  wissenschaftliches ­
  d.  h.  fatalistisches  Gesetz  der  Geschichte  zu  kennen  glaubt  und  folglich
einen  Zweck  der  menschlichen  Gesellschaften  (gewöhnlich  beginnen  diese  Art  Kenntnisse ­
  mit  diesem  Zweck),  ist  man  in  der  Lage  eines  religiösen  Offenbarere,  der  sich
nicht  für  fähig  hält,  aus  sich  selbst  heraus  die  Wahrheit  und  die  Zukunft  zu  verkünden, ­
  und  der  seinen  Zuhörern  die  Notwendigkeit  darlegt,  in  der  sie  sich  befinden,
er  selbst  und  sie,  das  zu  glauben  und  auszuführen,  was  auf  Grund  des  Vorhergehenden
unzweifelhaft  sein  wird.  Die  philosophische  und  religiöse  Einbildung  sucht  in  der
änderen  Beobachtung  die  Elemente  einer  Zuversicht,  die  sie  nicht  in  sich  selbst
bat;  für  sie  wird  die  Geschichte  ein  Gott  der  Eingebung;  aber  die  Illusion,  die  ihren
Gegenstand  wechselt,  ändert  nicht  ihr  Wesen,  denn  der  neue  Gott  ist  nicht  objektiver,
a 's  es  in  den  Augen  der  Ungläubigen  die  alten  Götter  waren,  und  er  inspiriert  nur
das,  was  man  glauben  möchte“.  Ebnouvier,  Introduction  ä  la  Philosophie
analytique  de  l’histoire,  2.  Ausg.  Bd.  I,  8.  121.  —  Auch  die  Philosophie
Bekgson’s  gelangt  dazu,  die  Möglichkeit  zu  bestreiten,  die  Zukunft  mit  Hilfe  der
■Gegenwart  zu  erkennen.  Vgl.  im  bes.  sein  Werk:  L’evolution  oreatrice.
2 )  A.  Wagner,  Grundlegung,  Bd.  I,  Kap.  2  g  90  S.  239.
            
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