Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

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So  hat  durch  eine  vielleicht  merkwürdige,  aber  in  der  Geschichte
der  Ideen  nicht  unerhörte  Wandlung  der  Staatssozialismus  zu  Ende
des  19.  Jahrhunderts  dieselbe  Rolle  gespielt,  die  sein  großer  Gegner,
der  liberale  Optimismus,  während  der  ersten  Hälfte  innegehabt  hatte.
Dessen  großes  Verdienst  war  es  gewesen,  einer  Politik  der  fortschreitenden ­
  Selbständigkeit  und  Freiheit  die  Wege  zu  bereiten,  einer  Politik,
die  für  den  Fortschritt  der  großen  Industrie  unentbehrlich  war.  So
wurde  der  liberale  Optimismus  der  Dolmetscher  der  großen  wirtschaftlichen ­
  Strömungen  seiner  Zeit.  Im  Dienste  dieser  ausschließlichen ­
  Aufgabe  hatte  er  allmählich  alle  wissenschaftliche  Selbständigkeit ­
  und  die  Ausgestaltung  der  ökonomischen  Theorie  vernachlässigt,
namentlich  in  Bezug  auf  die  für  jedes  Gedankensystem  unerläßliche
Schärfe  der  Beweisführung.
Auf  dieselbe  Weise  hat  der  Staatssozialismus  allen  denen  als  Banner
gedient,  die  die  Notwendigkeit  begriffen,  die  sozialen  Übelstände  der
bis  zu  ihren  letzten  Grenzen  getriebenen  wirtschaftlichen  Freiheit
einzuschränken,  allen  denen,  die  mit  Recht  die  elende  Lage  einer  immer
zahlreicheren  Arbeiterklasse  mit  Sorge  erfüllte.  Ausschließlich  mit
diesen  sofortigen  Zielen  beschäftigt,  haben  die  Begründer  des  Staatssozialismus ­
  hauptsächlich  die  Prinzipien  der  praktischen  Volkswirtschaftspolitik
  bearbeitet,  ohne  die  eigentliche  wirtschaftliche  Wissenschaft ­
  besonders  zu  fördern.  ...  Jetzt  sehen  sie  sich  übrigens  ihrerseits ­
  bedroht.  Das  allen  politischen  Lehren  gemeinsame  Los  erwartet
den  Staatssozialismus.  Und  schon  jetzt  kann  man  sich  fragen,  ob  nicht
gerade  die  Vielfältigkeit  der  Regierungseinmischungen  im  Begriff
ist,  bei  den  Verbrauchern,  wie  bei  den  Unternehmern,  und  sogar  bei
den  Arbeitern,  ein  immer  wachsendes  Mißtrauen  mit  Hinsicht  auf  die
wirtschaftlichen  Fähigkeiten  des  Staates  zu  erregen.
Auf  jeden  Fall  kann  man  eine  recht  charakteristische  Tatsache
bemerken.  Während  im  19.  Jahrhundert  der  Sozialismus  alle  seine
Angriffe  gegen  den  Liberalismus  und  die  wirtschaftliche  Orthodoxie
richtete,  —  greift  im  Gegenteil  der  neo-marxistische  Syndikalismus  fast
ausschließlich  die  Staatssozialisten  an.  Sorel  hat  auf  die  engen  gedanklichen ­
  Bande  hingewiesen,  die  den  Marxismus  mit  dem  Manchestertum
verbinden.  Er  stimmt  sogar  in  mehr  als  einem  Punkte  mit  einem
„Liberisten“  wie  Paeeto  überein;  dagegen  findet  er  keine  Ausdrücke,
die  ihm  kräftig  genug  erscheinen,  um  die  Vertreter  des  „sozialen
Friedens“  und  des  Interventionismus  zu  bekämpfen,  die  ihm  als  die
Verführer  der  Arbeiterklasse  erscheinen.  Zur  gleichen  Zeit  haben  die
Gewerkschaftler  —  wenigstens  viele  unter  ihnen  —  mehr  als  einmal
ihr  Mißtrauen  gegen  den  Staat  kundgegeben  und  energisch  Gesetzesvorschläge ­
  zurückgewiesen,  die  in  ihrem  Interesse  eingebracht  waren,
wie  zum  Beispiel  das  Gesetz  über  Arbeiterpensionen.  Wahrscheinlich
            
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