Object: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

378 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie. 
2. Die industrielle Aristokratie. 
Von Friedrich Naumann. 
Naumann, Demokratie und Kaisertum. 3. Ausl- Berlin-Schöneberg, Buchverlag 
der „Hilfe", 1904. S- 110-113. 
Vorbemerkung. Der ursprüngliche Text ist mit Genehmigung des Herrn ^Verfassers 
berichtigt und ergänzt^ 
1. nach den Ergebnissen der Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907 (Sta 
tistik des Deutschen Reichs, Bd. 213, 1. Gewerbliche Betriebsstatistik. Bearbeitet im 
Kaiserlichen Statistischen Amte. Abt. l, Heft 1. Berlin, Puttkammer & Mühlbrecht, 1909. 
S. 42-43), 
2. nach den Produkt!onsstatistiken für die Jahre 1898, 1908 und 1911 (Vierteljahrs 
hefte zur Statistik des Deutschen Reichs. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen 
Amte. 9., 19., 21. Jahrgang, 1900. 1910. 1912. Zweites Heft. Berlin, Puttkammer & Mühl 
brecht, 1900. S. 1-2, 1910. S. 70-71, 1912. S. 79—80) und 
3. nach den Ergebnissen der Veranlagung zur Ergänzungssteuer für die Jahre 1908-1910 
und 1911—1913 (Statistisches Jahrbuch für den Preußischen Staat. 6. Jahrgang. 
1908, 9. Jahrgang. 1911. Herausgegeben vom Königlichen Statistischen Landesamte. Berlin, 
Verlag des Königlichen Statistischen Landesamts, 1909. S- 242—243, 1912. S- 298 — 299). 
— G. M. 
Mit der modernen Industrie stieg ein neues, in sich einheitliches Herrenvolk 
herauf: das Großunternehmertum. Es bildet den Kern einer neuen wirt 
schaftspolitischen Volksgestaltung, an den sich finanzielle, kommerzielle, technische 
Größen anschließen. Ein neues Macht- und Willenszentrum ist vorhanden, teilweis 
noch unverstanden, politisch noch unbeholfen, aber von großer Entwickelungsfähigkeit 
und Zukunft. 
Wenn man die agrarische Aristokratie sehen will, dann muß man pommersche 
Rittergüter und Schlösser betrachten; wenn man aber einen Eindruck der neuen 
Aristokratie haben will, muß man nach dem rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk 
gehen. Dort ist der Typus des industriellen Herrschertums am reinsten ausgeprägt. 
Zwischen hohen Essen, Schienen, Walzwerken thronen die Eisenfürsten, die geborenen 
Führer der neuen Wirtschaftsentwickelung. Um sie herum gruppieren sich die Inhaber 
der Kohlenwerke, der chemischen Fabriken, der größeren Textiletablissements, der See- 
handelsgesellschaften, Werften und Banken. Stufenweise folgen Inhaber von Bau 
fabriken, Leiter der Konfektionsindustrie, Porzellanfabrikanten, Großbrauer, Papier 
fabrikanten usw. Es gibt kein Heroldsamt, das diese Aristokratie einträgt, und keinen 
Gothaischen Kalender für Jndustrieprinzen, aber das Volksleben als Ganzes fühlt die 
neue Erscheinung, und Namen wie Krupp, Stumm, Heyl, Siegle, Barster, Boß, 
Siemens sind nur einzelne aus einer langen Reihe. Die Statistik kann selbst 
verständlich auf diesem Gebiete nur ganz allgemeine Anhaltspunkte geben. Nach der 
Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907 gab es im deutschen Gewerbe 
32 122 Betriebe mit mehr als 50 Arbeitskräften. Rechnet man die Inhaber solcher 
Betriebe im allgemeinen zur industriellen Aristokratie im weitesten Sinne, und rechnet 
man die Handelsaristokratie hinzu, so muß man schon heute die Kopfzahl der neuen 
Oberschicht der der alten gleichstellen. Finanziell, wirtschaftlich bedeutet schon jetzt 
diese neue Oberschicht mehr als die alte, und, was die Hauptsache ist: sie wächst täglich. 
Politisch bedeutet sie noch weniger, weit weniger als die alte, aber das wird sich vor 
aussichtlich ändern. 
Bei der Zählung am 12. Juni 1907 fanden sich Großbetriebe im genannten 
Umfang und darüber in einigen hervorragenden Erwerbszweigen in folgenden 
Zahlen:
	        
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