Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  571

Der  Staat,  sagt  die  Encyklika  Iramortale  Dei  Leo’s  XIII.  —
der  hierin  übrigens  nur  eine  Stelle  des  Apostel  Paulus  wiederholt,  —
ist  „der  Diener  Gottes  zum  Guten“.  Paulus  sagt  aber  an  einer  anderen
Stelle,  daß  das  Gesetz  der  Zuchtmeister  sei,  der  uns  zu  Christum
führen  solle,  und  wenn  man  das  Wort  so  versteht,  daß  es  die  Aufgabe
des  Gesetzes  sei,  zur  brüderlichen  Solidarität  zu  führen,  so  hat  man
eine  ziemlich  genaue  Vorstellung  davon,  wie  der  soziale  Katholizismus
die  Rolle  des  Staates  auffaßt.
Der  soziale  Katholizismus  hat  manchmal  sehr  fortgeschrittene
Bestrebungen  bekundet,  die  sich  stark  dem  eigentlichen  Sozialismus
näherten.  Doch  sind  sie  nur  individuelle  Kundgebungen  gebliehen
und  übrigens  formell  von  Rom  verdammt  worden;  gewöhnlich  haben
sich  die,  die  sie  geäußert  hatten,  löblich  unterworfen.
Zunächst  griff  1888  Lösewitz  in  der  Association  Catholique
  die  sogenannte  Produktivität  des  Kapitals  heftig  an 1 ):  dies
erregte  einen  ziemlichen  Skandal  und  führte  dazu,  daß  der  Graf  de  Mun
dagegen  auftrat.  Später  wurde  dieses  Programm  das  der  sogenannten
„Partei  der  jungen  Abbes“.  Auch  darf  die  Bewegung  des  Sil  Ion
(von  1890  bis  1910)  nicht  vergessen  werden,  die  in  politischer  Hinsicht
sich  bemühte,  die  Kirche  mit  der  Demokratie  und  sogar  mit  der
Republik  zu  versöhnen  und  in  volkswirtschaftlicher  Hinsicht  bis
zur  Abschaffung  des  Lohnsystems  und  des  Unternehmertums  ging 2 ),
—  gerade  wie  die  Syndikalisten,  denn  der  §  2  der  Statuten  der
Confederation  Generale  du  Travail  stellt  ebenfalls  als  Endzweck  auf:
„das  Verschwinden  des  Lohnsystems  und  des  Unternehmertums“.
Anstatt  die  Lösung  in  einer  parallelen  Tätigkeit  der  Syndikate  der
Arbeitgeber  und  der  der  Arbeitnehmer  zu  suchen,  strebt  die  Bewegung

q  „Die  angebliche  Produktivität  des  Kapitals,  die  die  große  Ungerechtigkeit
der  heidnischen  Gesellschaften,  und  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt,  die  letzte
Ursache  der  sozialen  Leiden  ist,  ist  nichts  anderes,  als  ein  Wort,  dazu  erfunden,  um
die  wirkliche  Tatsache  zu  verschleiern:  die  Aneignung  der  Früchte  der
Arbeit  anderer  durch  die  Besitzer  der  Arbeitsmittel“  (Loesewitz,
Association  Catholique,  1886,  Aufsatz:  Legislation  du  travail).
2 )  Auszug  eines  Berichtes  über  eine  Versammlung  des  „Sillon“  vom  November ­
  1907:
„Marc  Sangnibe:  „Die  soziale  Umformung,  Kameraden,  von  der  wir  träumen,
ist  für  die  Entwicklung  des  Individuums  und  nicht  für  seine  Aufsaugung  gemacht.
Wir  wollen,  daß  die  Fabriken,  die  Bergwerke  und  die  Industrien  Arbeitergruppen,
aber  nicht  dem  Staate  gehören.“
Zwischenruf:  „Das  ist  Sozialismus!“
Maro  Sangnibe:  „Nennt  es  Sozialismus,  soviel  ihr  wollt,  das  stört  mich  nicht;
es  ist  aber  nicht  der  Sozialismus  der  Sozialisten,  der  Sozialismus  der  „Unifies“  .  .  .
Wir  wollen  die  Proletarier  von  der  Herrschaft  der  Arbeitgeber  befreien,  nicht  um
sie  unter  der  Herrschaft  eines  großen  und  alleinigen  Patrons,  des  Staates,  zu  stellen,
sondern  damit  die  Proletarier  kollektiv  ihre  eigenen  Arbeitgeber  werden  können.“
            
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