Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
Durchführung der Reform bildet, da die Eigentümer ein Recht auf 
die bestehende Rente erworben haben. 2. In der Praxis wird man 
mit einer Abschätzung der Gesamtheit des Bodens beginnen; auf 
Grund einer noch festzulegenden Basis wird man dann in be 
stimmten Zeitabschnitten den Wertzuwachs zu schätzen suchen, der 
ihm in seiner Gesamtheit zugefallen ist. Eine allgemeine Steuer 
würde dann gestatten, diesen Zuwachs einzuziehen 1 ). 3. Damit kein 
Besitzer sich für benachteiligt halten könne, muß der Staat es ihm 
stets freistellen, entweder die neue Steuer zu bezahlen, oder ihm 
seinen Besitz zu dem Geldpreis zu verkaufen, den er dafür zur Zeit 
der Einführung der Reform hätte erhalten können. 
Was die sofortige Nationalisierung des Bodens anlangt, so er 
klärt sich Mill dagegen. Nicht daß er sie ungerecht fände, im 
Gegenteil. Er hat aber eine zu schlechte Meinung von der Ver 
waltung durch den Staat oder durch die Städte, um an die Nützlich 
keit einer derartigen Maßnahme zu glauben. Er fürchtet, daß „viele 
Jahre vergehen müssen, bevor das vom Staat erzielte Einkommen ge 
nügend sei, um die Entschädigung zu bezahlen, die die enteigneten 
Grundbesitzer mit Recht verlangen können“ * 2 ). 
Stuaet Mill verhehlte sich nicht, daß die finanziellen Ergebnisse 
der Reform ziemlich gering und ihre sofortige Tragweite bescheiden 
sein würden. Einige Jahre später schlug ein anderer Schriftsteller 
eine viel radikalere Maßnahme vor, die eine wirkliche soziale Er 
neuerung nach sich ziehen sollte. Das Projekt, das Heney Geoegb 
auf die Theorie der Rente aufbaute, war in der Tat bestimmt, das 
Elend abzuschaffen und die Gerechtigkeit in der Güterverteilung 
wiederherzustellen. 
Heney Geoege (1839—1897) w r ar kein National Ökonom von Beruf; 
er war ein „self-made man“, ein Autodidakt, der, ehe er Schriftsteller 
wurde, die verschiedensten Beschäftigungen ausgeübt hatte. Mit 
16 Jahren schiffte er sich als Matrose ein und führte lange Zeit ein 
Wanderleben, bis er 1861 in San-Franzisko als Setzer in eine Druckerei 
eintrat und schließlich Leiter einer Zeitung wurde. Er erlebte den 
rapiden Aufschwung San-Franziskos und der ganzen Umgebung, der 
infolge des Zuströmens der Goldsucher und der landwirtschaftlichen 
Inbetriebnahme Westamerikas einsetzte. Er sah das enorme Wachsen 
der Boden werte unter diesen Einflüssen und das Spekulationsfieber, 
2 ) Mill hält es für unmöglich, auf jedem Stück Land für sich den Mehrwert, 
der auf allgemeine Umstände zurückzuführen ist, von dem zu unterscheiden, der 
auf den vom Besitzer gemachten Aufwendungen beruht. Deshalb erscheint ihm eine 
allgemeine Steuer die einzig gerechte Art und Weise, die Bodenrente zu kon 
fiszieren. 
2 ) Dissertations and discussions, Bd. IV, S. 256.
	        
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