Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

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wird  in  diesem  Buch  von  der  Geschichte  der  Tatsachen  nur  insoweit
gesprochen  werden,  wie  sie  uns  zum  Verständnis  des  Auftretens
oder  Verschwindens  dieser  oder  jener  Lehre  oder  zur  Erklärung  des
außerordentlichen  Glanzes  dient,  in  dem  die  eine  oder  die  andere
Lehre  in  einem  gegebenen  Augenblick  erstrahlte,  und  der  uns  heute
in  der  Entfernung  manchmal  merkwürdig  erscheint,  —  und  dann
werden  wir  die  Geschichte  der  Tatsachen  auch  dort  heranziehen,  wo
die  Tatsachen  mit  den  Lehren  nicht  als  Ursachen,  sondern  als  Folgen
verbunden  erscheinen.  Denn  trotz  des  Skeptizismus  Couenot’s,  der
versichert,  daß  der  Einfluß  der  Volkswirtschaftler  auf  den  Lauf  der
Begebenheiten  von  keiner  größeren  Wirkung  ist,  als  der  der
^Grammatiker  auf  die  Entwicklung  der  Sprache,  erscheint  es  uns
doch  schwierig,  z.  B.  den  Einfluß  der  Manchesterschule  auf  die
Handelsverträge  von  1860  oder  des  Staatssozialismus  auf  die  heutige
Arbeitergesetzgebung  zu  leugnen.

Es  ist  eine  unmögliche  Aufgabe,  in  einem  einzigen  Bande  die
Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehrmeinungen  zusammenzufassen,
und  die  Verfasser  dieses  Buches  erheben  auch  nicht  den  Anspruch,
dies  geleistet  zu  haben.  Um  eine  auch  nur  summarische  Darlegung
des  unbedingt  Wissenswerten  zu  geben,  haben  sie  sich  zu  vielen
Opfern  entschließen  müssen.
Indem  wir  als  Ausgangspunkt  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts
wählten,  haben  wir  zunächst  alle  Vorläufer  weggelassen.  Sicherlich
reichen  die  Wurzeln  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  weiter
in  die  Vergangenheit  zurück;  aber  der  Strom  der  großen  volkswirtschaftlichen ­
  Gedanken,  der  sich  in  den  großen  Schulen  ausdrückt,
darunter  vor  allem  die  beiden  typischen  Doktrinen  des  Individualismus
und  des  Sozialismus,  hat  in  Wirklichkeit  erst  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts ­
  Gestalt  angenommen J ).  Sollte  übrigens  der  Leser  diese  Lücke
zu  sehr  bedauern,  so  ist  es  ihm  leicht,  sie  auszufüllen.  Gerade  dieser
Teil  der  Geschichte  der  Doktrinen  ist  in  schon  erschienenen  Büchern
sehr  eingehend  behandelt  worden;  —  für  die  Zeit  des  Altertums  in
denen  von  Espinas  *  2 )  und  Souchon;  —  für  das  Mittelalter  und  bis
*)  In  einem  Aufsatz  über  den  Unterricht  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Doktrinen  (Eevue  de  l’Enseignement  vom  15.  März  1900;  erklärt  Deschamps
es  zwar  für  unverzeihlich,  daß  man  es  nicht  besser  verstanden  habe,  aus  dem  Altertum ­
  und  dem  Mittelalter  die  „wunderbaren  wirtschaftlichen  Lehren  zu  ziehen,  die
dort  zu  finden  sind“,  fügt  aber  hinzu,  daß  „wir  in  der  Geschichte  der  Wissenschaft
nicht  weiter  als  bis  zu  den  Physiokraten  zurückzugehen  brauchen“.
2 )  Die  neue  Ausgabe  des  Buches  von  Espinas,  die  sich  im  Druck  befindet,  enthält ­
  einen  ganzen  Band  über  die  wirtschaftlichen  Doktrinen  im  Altertum  und  im
Mittelalter.
            
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