70
Erstes Buch. Die Begründer.
und die Saat auszusäen, seinerseits zur Vergrößerung der industriellen
Produktion beiträgt. Das Wachstum des nationalen Reichtums be
steht daher nicht in einer Erhöhung des „Produit net“ allein, sondern
in der Vermehrung aller der dem Verbraucher zur Verfügung stehen
den Gegenstände.
. Als klare, praktische Folge dieser Auffassung ergibt sich, daß
die Steuer nicht, wie es die Physiokraten wollten, von einer einzigen
Klasse getragen werden soll. Sie muß alle gleichmäßig treffen. Der
einzigen Steuer setzt Smith eine vielfache Steuer gegenüber, die
gleichzeitig alle Einkommensquellen, die Arbeit und das Kapital,
ebenso wie den Boden in Anspruch nimmt, — und er faßt sie in dem
folgenden Grundsatz zusammen: „Die Untertanen jedes Staates müssen
zur Unterstützung der Staatsgewalt so genau als möglich nach Ver
hältnis ihres Vermögens beitragen, d. h. nach Verhältnis der Ein
künfte, die ein jeder unter dem Schutz des Staates genießt 1 ).“ Dies
ist der berühmte Grundsatz von der Proportionalität der Lasten zu
der Leistungsfähigkeit eines jeden, auf den man sich seitdem so oft
in Finanzfragen berufen hat 2 )/
Es ist sehr merkwürdig, daß A. Smith nicht imstande war, alle
sich aus seiner Theorie ergebenden Folgerungen zu ziehen. Er scheint
ihre ganze Tragweite nicht sofort begriffen zu haben. Die Theorie
der Arbeitsteilung allein genügt schon, um das ganze physiokratische
System hinfällig zu machen.
Nichtsdestoweniger bemüht sich Smith im letzten Kapitel seines
vierten Buches in langen Ausführungen und mit Gründen, die nicht
immer überzeugend sind, die Physiokraten zu widerlegen. Mehr noch,
er vergißt das Prinzip der Arbeitsteilung, eignet sich einen Teil ihrer
') Dies ist die erste der vier berühmten Grundsätze, die Smith an den Anfang
seiner Stenertheorie stellt. Die drei anderen lauten: II. Die Steuer, die jeder einzelne
Bürger zu zahlen verbunden ist, muß genau bestimmt und nicht willkürlich sein.
Die Zeit der Zahlung, die Art und Weise derselben, die Summe, welche gezahlt
werden soll: alles das muß dem Steuerpflichtigen, sowie jeder anderen Person klar und
deutlich sein . . . III. Jede Steuer muß zu der Zeit und auf die Weise erhoben
werden, zu welcher und auf welche es dem Steuerpflichtigen am leichtesten fällt,
sie zu bezahlen ... IV. Jede Steuer muß so eingerichtet sein, daß sie so w'enig als
möglich über die Summe, die sie dem Staatsschätze einbringt, aus der Tasche des
Bürgers herausnimmt . . . (II, S. 243/244, ß. V, Kap. II, Teil 2).
2 ) Dieser Grundsatz der Proportionalität hat Smith nicht gehindert, an einer
übrigens alleinstehenden Stelle sich zugunsten einer progressiven Steuer anszusprechen.
Derartige unlogische Gedanken finden sich oft bei ihm. Wo er von der Mietssteuer
spricht, bemerkt er, daß die Eeichen dadurch härter, als die Armen getroffen werden,
weil der erstere im Verhältnis mehr als der zweite für seine Wohnung ausgibt.
„Es ist eben“, sagt er, „nicht unbillig, daß der Reiche nicht nur nach Verhältnis
seiner Einkünfte, sondern noch etwas über dieser Verhältnisse hinaus zu den Staats
ausgaben beitrage“ (II, S. 254, B. V, Kap. II, Teil 1).