Full text: Sozialismus und Regierung

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bewegt und vorwärtsgetrieben wird, hat und soll weniger Einfluß im 
Staatsleben haben, als seine Größe zu rechtfertigen scheint. Alle Par 
teien erkennen jedoch sein Gewicht an. Sie suchen dahinter Schutz und 
erklären ihre Mängel durch die Trägheit dieser Masse; sie fühlen sie wie 
einen Mühlstein um den Hals, wenn sie in ihrer Begeisterung für die Vi 
sion einer verbesserten Welt schneller und schneller laufen möchten. 
Wenn der Staat neue Richtungen einschlägt oder dem Lichte reiner Ver 
nunft auf Wegen folgt, die den Massen ungewohnt sind (und wohlver 
standen, hiermit meine ich nicht nur den Armen, sondern alle, die von 
Interessen oder Gewohnheiten beherrscht werden, deren Geist sich 
keine andere Wirklichkeit als den Statusquo vorstellen kann), so wird 
ihre Zustimmung auf eine Belastungsprobe gestellt. Ist der Druck zu 
übermäßig, so wird die Masse von der Reaktion erfaßt; ist er zu gering, 
kann der Staat seine Funktionen in der Gesellschaft nicht erfüllen. Das 
ist das Problem, dem jede Partei, die an der Macht ist, ins Auge zu 
schauen hat. Ihre Aufgabe ist nicht allein, die Stimmung der Masse zu 
erforschen, sondern auch herauszufinden, welche Anforderungen man 
an die Masse stellen kann. Die Partei hat ihre Ideen vom politischen 
Recht auf eine Gemeinschaft anzuwenden, die aus organisierten Wider 
sachern und einer trägen Masse des sozialen Gewebes zusammengesetzt 
ist, welch letztere zu aktiven Oppositionen angereizt werden kann, wenn 
ihre Befürchtungen erweckt werden oder ihr Wunsch, ungeschoren zu 
bleiben, zu wenig berücksichtigt wird. Insofern es für die Gesetzge 
bungsmaschinerie eines Staates ratsam sein mag, den Entschluß der 
Wähler, gewisse Veränderungen durchzuführen, zu prüfen, ist hierfür 
also schon ausreichend durch die Trägheit der Wählermassen und die 
beständige Immanenz der Reaktion gesorgt. 
Wenn das Dasein einer zweiten Kammer die politischen Parteien — 
oder eine von ihnen — von der Verantwortlichkeit für ihre Vorlagen be- 
freit, so kann das Land über Streitfragen niemals endgültig entschei 
den ; auch können nachfolgende Ereignisse niemals zeigen, was die Na 
tion zur Konfliktszeit wirklich zu tun beabsichtigte. Der Wille des Vol 
kes ändert sich mit der Zeit und den Verhältnissen. Jedes Ding hat sei 
ne Zeit. Wird die reife Frucht nicht gepflückt, so verfault sie. Wenn 
das Oberhaus über die Zeit gebieten und dadurch die Verzögerung er 
zielen kann, so verfügt es über den Kern der Macht, der die Niederlagen 
besiegelt.
	        
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