Full text : Die Konsumtion

Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

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§  4

4.  Der  mehr  oder  weniger  konventionelle  Charakter  fast  aller  Konsumtion,  die
Vergeudung  durch  den  Rivalitätsaufwand,  die  Steigerung  des  Bedürfnisses  durch  die
Konsumtion  selbst,  die  progressive  Abstumpfung  der  Genußfähigkeit  bedeuten
Abzüge  vom  Genußwert  der  heutigen  hochgesteigerten  Konsumtion.  Der  Einfluß
der  Verkehrswirtschaft,  des  städtischen  Lebens  und  der  modernen  Beschränkung  der
Kinderzahl,  auf  den  wir  in  einem  folgenden  Paragraphen  hinweisen,  bedingt  weitere
Abzüge.  Die  ungleiche  Verteilung  des  Einkommens,  die  eine  optimale  konsumtive
Ausnutzung  der  jeweilig  verfügbaren  Produktionskraft  hindert  und  große  Bevölkerungsteile ­
  dem  Elend  preisgibt,  bildet  ein  Kapitel  für  sich,  muß  aber  in  diesem
Zusammenhänge  wenigstens  erwähnt  werden.
Wenn  die  Summe  dieser  Abzüge  eine  weitgehende  Resignation  im  Werturteil
über  den  Konsumtionsfortschritt  fordert:  fehlt  es  daneben  an  Lichtseiten?
Vom  Standpunkte  sozialer  Beurteilung  bieten  diese  Abzüge  selbst,  namentlich
die  Faktoren  Rivalität  und  Abstumpfung  x ),  einen  gewissen  Ausgleich  für  die  äußerliche ­
  Ungleichheit  der  menschlichen  Lose;  es  sind  ja  vorzugsweise  die  größeren  Lose,
die  durch  solche  Abzüge  verkürzt  werden.
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  können  wir  als  Gewinn  registrieren,  daß
infolge  der  Vervielfältigung  und  Verbesserung  der  Güter,  in  erster  Linie  der  Nahrungsmittel, ­
  das  physiologische  Existenzminimum  vollständiger  befriedigt  werden  kann,
als  sonst  wenigstens  für  die  neu  entstandene  städtische  Bevölkerung  möglich  wäre.
Der  besseren  Sicherung  des  Existenzminimum  dienen  auch  die  großen  Aufwendungen
auf  dem  Gebiet  der  Hygiene  (Wasserleitung,  Kanalisation  usw.),  die  freilich  teilweise
erst  neu  entstandenen  Bedürfnissen  entsprechen,  und  auf  dem  Gebiet  der  Krankenpflege. ­
  Von  den  Annehmlichkeiten  des  Lebens  fällt  namentlich  die  bessere  Beleuchtung ­
  und  die  Verbesserung  der  Wege  ins  Gewicht;  zweifelhafter  ist  die  Verbesserung
des  Wohnens.  Daneben  ist  die  Regelmäßigkeit  der  Konsumtion  gesichert
worden;  von  der  privatwirtschaftlichen  Versicherung  abgesehen,  durch  die  Feuerwehr ­
  und  durch  eine  wirksamere  Vorsorge  gegen  plötzliche  Hungersnöte,  namentlich
durch  die  zwischen  Mangel  und  Ueberfluß  ausgleichende  Wirkung  der  Transportmittel. ­
  Auch  ohne  diese  Vorsorge  besitzt  ein  reichlich  konsumierendes  Volk  eine
latente  Reserve  für  Notfälle  in  seiner  Lebenshaltung  selbst,  in  der  Möglichkeit,  in
knappen  Jahren  zur  physiologischen  Mindestnorm  des  Nahrungsbedarfs  zeitweilig
zurückzukehren.
Aber  vor  allen  andern  Erwägungen  bleibt  es  die  Hauptsache,  daß  der  wirtschaftliche ­
  Fortschritt  seinen  idealen  Wert  in  sich  selbst  trägt,  unabhängig  vom  Konsumtionswerte ­
  der  durch  ihn  geschaffenen  Güter.  Die  Steigerung  der  Bedürfnisse,
auch  wenn  sie  nicht  zu  gesteigerter  Befriedigung  führt,  zwingt  doch  den  Menschen
zur  Anspannung  seiner  Kräfte  und  wird  durch  diese  belebende  Wirkung  zu  einer
der  Grundlagen  moderner  Kultur.  Sie  ist  das  wirksamste  Erziehungsmittel  für  die
träge  Masse.  Sie  schafft  auch  in  der  Befriedigung  des  Erfolges  Genußwerte,  die
denen  des  Konsumtionsgenusses  überlegen  sind.  Kurz,  die  Konsumtion,  die  uns  als
Zweck  erscheint,  ist  jetzt  in  Wirklichkeit  vielmehr  Mittel  für  einen  höheren  Zweck.  Es
ist  wie  eine  List  der  Natur,  die  den  Menschen  ködert,  um  ihn  seiner  Bestimmung
zuzuführen;  wie  der  um  seiner  selbst  willen  erstrebte  Genuß  des  Essens  die  Erhaltung
des  Körpers  zur  Nebenfolge  hat,  und  der  Geschlechtsgenuß  die  Erhaltung  der  Menschheit, ­
  so  löst  die  lockende  Aussicht  auf  Befriedigung  brennender  Bedürfnisse  überhaupt
die  Anspannung  der  Kräfte  aus,  die  dem  Leben  Wert  und  Würde  gibt,  wenn  sie.  sittlich ­
  rein  bleibt.  Und  sie  züchtet  starke  Menschen  und  starke  Völker,  die  über  die
andern  herrschen  und  ihnen  ihr  Gepräge  auf  drücken  *  2 ).

x )  Vgl.  J.  W  o  1  f  a.  a.  0.  S.  163.
2 )  Darum  haben  auch  im  wirtschaftlichen  Wettkampf  der  Völker  nicht  nur  die  bedürfnislosesten ­
  Völker  einen  Vorsprung,  sondern  möglicherweise  auch  die  mit  den  stärksten  Bedürfnissen. ­
  Haben  die  bedürfnislosesten  eben  in  ihrer  Genügsamkeit  eine  wirksame  Waffe  im  Kampf
ums  Dasein,  so  werfen  dafür  die  bedürfnisstärksten  die  größere  Energie  in  der  Anspannung
            
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