Full text : Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

keine  Förderung  seiner  Pläne  fand  1 ).  Man  hätte  hiernach  erwarten
können,  daß  der  russische  Bahnhau  rasche  Fortschritte  machen  würde.
In  der  Tat  wurde  die  Bahnfrage  auch  nach  der  Vollendung  der  Zarskoje
Selo-Linie  eifrig  weiter  erörtert.  Freilich  dauerte  es  geraume  Zeit,  als
aus  der  Fülle  widersprechender  Meinungen  heraus  endlich  der  Zar  die
Genehmigung  zu  der  Bahn  erteilte,  deren  Anlage  sich  jedem  Bahnpolitiker ­
  aufdrängte,  die  Verbindung  der.  beiden  Hauptstädte,  zumal
zwischen  ihnen  keine  große  Wasserstraße  vorhanden  war.  Am  1.  Februar
1842  gab  Zar  Nikolaus  I.  die  Genehmigung  zum  Bau  der  Bahn
St.  Petersburg—Moskau,  die  später  nach  ihm  Nikolaibahn  genannt
wurde.  Die  Linienführung  verstand  sich  eigentlich  von  selbst:  man
hat  zwar  häufig  die  gerade  Trasse  kritisiert  und  sie  namentlich  mit
autokratischen  Gründen  zu  erklären  gesucht,  die  indes  bei  näherer
Betrachtung  hinfällig  werden.  Der  Bahnbau  ging  unendlich  langsam
von  statten.  Erst  am  7.  Mai  1847  wurde  die  nur  24  W  lange  Strecke
von  der  Newa  bis  Kolpino  eröffnet.  Am  29.  Juni  1850  folgte  das  im
Gouvernement  Twer  gelegene  Zwischenstück  Wysehnij  Wolotschok—
Twer  und  am  1.  November  1851  die  Strecke  Kolpino—Wysehnij  Wolotschok ­
  sowie  die  Schlußlinie  Twer—Moskau.  14  Jahre  nach  Eröffnung
des  Betriebes  auf  der  Zarskoje  Selo-Linie  war  somit  der  Verkehr  zwischen
den  beiden  Mittelpunkten  des  Reiches  gebahnt.  Kurz  nach  der  Genehmigung ­
  der  Nikolaibahn  trat  man  auch  den  ersten  Anschlüssen  an
die  ausländischen  Bahnsysteme  näher.  Ungefähr  gleichzeitig  wurden
Strecken  der  auf  russisch-polnischem  Boden  gelegenen  Teile  der  Warschau-Wiener ­
  und  der  Warschau-Bromberger  Linie  eröffnet,  am  15.  November ­
  1845  die  Strecke  Warschau—Skemewizi—Rogawa  der  Wiener
und  am  1.  November  1845  die  Strecke  Skemewizi—Lowitsch  der  Bromberger ­
  Bahn.  In  Skemewizi  war  die  Einmündung  der  Bromberger  Linie  in
die  Wiener  gedacht.  Die  Strecke  Rogawa—Piotrkow—Tschenstochow
wurde  1846,  die  Strecken  nach  Sombkowizi 1  2 )  und  Graniza  1847  und
1848  eröffnet.  In  Graniza  wurde  der  Anschluß  an  die  österreichische  Bahn
hergestellt.  Dagegen  zog  sich  der  Bau  der  Bromberger  Strecke  noch  sehr
lang  hin.  Unterdessen  war  ja  die  eisenbahnfreundliche  Stimmung  in  Rußland ­
  einer  feindlichen  oder  wenigstens  einer  gleichgültigen  gewichen.
Schon  die  lange  Baudauer  der  Nikolaibahn  läßt  erkennen,  daß  man  einem
beschleunigten  Ausbau  des  Bahnnetzes  nicht  mehr  das  Wort  redete.
1 )  Man  liest  meistens,  daß  diese  älteste  Bahn  nur  bis  Zarskoje  Selo  reiche.
Tatsächlich  war  aber  ihr  Endziel  das  3  km  südlicher  gelegene  Pawlowsk.  Die
Bahn  führte  allerdings  die  Bezeichnung  Zarskoje  Seloeisenbahn.  In  der  ersten
Zeit  wurden,  wie  das  bei  den  meisten  ersten  Eisenbahnen  in  anderen  Ländern
ebenso  der  Pall  war,  neben  Lokomotiven  auch  noch  Pferde  verwandt.  Der  ausschließliche ­
  Lokomotivbetrieb  fand  seit  dem  4.  April  1838  statt.  Vgl.  Claus,  Zur
Geschichte  des  russischen  Eisenbahnwesens,  AEW  10  S.  54.
2 )  Die  Anschlußstrecke  Sombkowizi—Sosnowizi  und  hiermit  nach  Oberschlesien ­
  wurde  erst  1859  eröffnet.
            
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