56
Und wenn etwa die Bahn von Uleäborg nach Torneä nicht vor 12 Jahren
angelegt worden wäre, so wäre sie schließlich auch in den an den russisch
schwedischen Gegensätzen uninteressierten Kreisen als notwendig er
achtet worden sein.
Auch die russische Breitspur muß immer wieder dazu herhalten,
wie stark Gründe der nationalen Verteidigung das Bahnsystem beeinflußt
hätten. Dabei hat doch sogar der Staat,, nicht eine Privatgesellschaft,
die auf russischem Gebiet gelegenen Strecken von Warschau nach Graniza
und Lowitsch (Bromberg) in der Spurweite der österreichischen und
preußischen Bahnen angelegt. Wenn also tatsächlich militärische
Gründe maßgebend gewesen wären, so hätte doch sicherlich der Staat
die beiden wichtigen Grenzbahnen in der breiteren Spur angelegt 1 ).
Sehr häufig kommt übrigens der strategische Charakter bei Bahnen,
die an und für sich einen ganz schwachen Verkehr haben, im zweigeleisigen
Ausbau zum Ausdruck, von dem weiter unten die Rede sein wird.
Am stärksten machen sich militärpolitische Maßnahmen im Eisen
bahnwesen Polens geltend. Die Verhältnisse in Russisch-Polen, die ja
für die Beziehungen Rußlands zu Preußen-Deutschland und Österreich
von größter Wichtigkeit sind, seien deshalb hier im Zusammenhang
betrachtet, weil sie offenbar ein und derselben Ursache entspringen.
Die Vernachlässigung eines großen Teiles des. dichtbevölkerten, in
den mitteleuropäischen Kulturkreis einbezogenen Polen ist ohne Beispiel
in Europa. Schon vor mehr als 40 Jahren sprach Hermann Wagner
von der weiten Lücke, die an der deutschen Ostgrenze bestand 2 ). Und
doch hatte man damals verhältnismäßig noch wenig Grund zu der
artigen Ausstellungen in Hinsicht auf die geringe Entwickelung der
Bahnen in den nordöstlichen Provinzen Preußens. Ein Blick auf die
Karten ließ sogar die Vermutung aufkommen, daß das russisch-polnische
Netz verhältnismäßig gut ausgebaut sei und daß ihm obendrein, ober
flächlich betrachtet, auch abgesehen von den alten Hauptbahnen, eine
gewisse Verkehrsbedeutung zukomme. Die älteren Bahnen Preußens
wirken förmlich auf einen Anschluß russischerseits hin: man arbeitet
auf beiden Seiten noch Hand in Hand. Im Jahre 1873 war die ost
preußische Südbahn Königsberg—Lyck—Prostken von derselben deut
schen Gesellschaft über Grajewo nach Bjelostok und Brest-Litowsk
durchgeführt worden und fand hier Anschluß nach Kowel, Kiew und
Odessa. Später kam dann der ganze Linienzug von Grajewo bis Odessa
in die Hände einer Gesellschaft. Und im Jahre 1877 war im Anschluß
an die deutsche Privatbahn Marienburg—Mlawa von der Weichselbahn
gesellschaft eine Verbindung von Danzig mit Warschau, Lublin und
Kowel geschaffen worden. Man versprach sich viel von diesen beiden
!) Vgl. oben S. 3.
2 ) Petermanns Mitteil. 1873 S. 227.