Full text: Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

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Und wenn etwa die Bahn von Uleäborg nach Torneä nicht vor 12 Jahren 
angelegt worden wäre, so wäre sie schließlich auch in den an den russisch 
schwedischen Gegensätzen uninteressierten Kreisen als notwendig er 
achtet worden sein. 
Auch die russische Breitspur muß immer wieder dazu herhalten, 
wie stark Gründe der nationalen Verteidigung das Bahnsystem beeinflußt 
hätten. Dabei hat doch sogar der Staat,, nicht eine Privatgesellschaft, 
die auf russischem Gebiet gelegenen Strecken von Warschau nach Graniza 
und Lowitsch (Bromberg) in der Spurweite der österreichischen und 
preußischen Bahnen angelegt. Wenn also tatsächlich militärische 
Gründe maßgebend gewesen wären, so hätte doch sicherlich der Staat 
die beiden wichtigen Grenzbahnen in der breiteren Spur angelegt 1 ). 
Sehr häufig kommt übrigens der strategische Charakter bei Bahnen, 
die an und für sich einen ganz schwachen Verkehr haben, im zweigeleisigen 
Ausbau zum Ausdruck, von dem weiter unten die Rede sein wird. 
Am stärksten machen sich militärpolitische Maßnahmen im Eisen 
bahnwesen Polens geltend. Die Verhältnisse in Russisch-Polen, die ja 
für die Beziehungen Rußlands zu Preußen-Deutschland und Österreich 
von größter Wichtigkeit sind, seien deshalb hier im Zusammenhang 
betrachtet, weil sie offenbar ein und derselben Ursache entspringen. 
Die Vernachlässigung eines großen Teiles des. dichtbevölkerten, in 
den mitteleuropäischen Kulturkreis einbezogenen Polen ist ohne Beispiel 
in Europa. Schon vor mehr als 40 Jahren sprach Hermann Wagner 
von der weiten Lücke, die an der deutschen Ostgrenze bestand 2 ). Und 
doch hatte man damals verhältnismäßig noch wenig Grund zu der 
artigen Ausstellungen in Hinsicht auf die geringe Entwickelung der 
Bahnen in den nordöstlichen Provinzen Preußens. Ein Blick auf die 
Karten ließ sogar die Vermutung aufkommen, daß das russisch-polnische 
Netz verhältnismäßig gut ausgebaut sei und daß ihm obendrein, ober 
flächlich betrachtet, auch abgesehen von den alten Hauptbahnen, eine 
gewisse Verkehrsbedeutung zukomme. Die älteren Bahnen Preußens 
wirken förmlich auf einen Anschluß russischerseits hin: man arbeitet 
auf beiden Seiten noch Hand in Hand. Im Jahre 1873 war die ost 
preußische Südbahn Königsberg—Lyck—Prostken von derselben deut 
schen Gesellschaft über Grajewo nach Bjelostok und Brest-Litowsk 
durchgeführt worden und fand hier Anschluß nach Kowel, Kiew und 
Odessa. Später kam dann der ganze Linienzug von Grajewo bis Odessa 
in die Hände einer Gesellschaft. Und im Jahre 1877 war im Anschluß 
an die deutsche Privatbahn Marienburg—Mlawa von der Weichselbahn 
gesellschaft eine Verbindung von Danzig mit Warschau, Lublin und 
Kowel geschaffen worden. Man versprach sich viel von diesen beiden 
!) Vgl. oben S. 3. 
2 ) Petermanns Mitteil. 1873 S. 227.
	        
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