Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

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an  Fleiß,  Mäßigkeit  und  Intelligenz  zuzuschreiben  seien.  Dieser  Glaube
welcher  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit  beruhigt  und  zugleich  durch
die  Vorspiegelung  einer  Überlegenheit  schmeichelt,  ist  wahrscheinlich
in  Ländern  wie  die  vereinigten  Staaten,  wo  alle  Menschen  politisch
gleich  sind,  und  wo  infolge  der  Neuheit  der  Gesellschaft  die  Scheidung
in  Klassen  mehr  die  einzelnen  als  ganze  Familien  betraf,  noch  verbreiteter
als  in  älteren  Ländern,  wo  die  Trennungslinien  länger  und  schärfer
gezogen  sind.  Ls  ist  nur  natürlich,  wenn  diejenigen,  welche  ihre  besseren
Verhältnisse  auf  die  größere  Betriebsamkeit  und  Genügsamkeit,  die
ihnen  einen  Vorteil  gab,  und  auf  die  höhere  Intelligenz  zurückführen
können,  die  sie  in  den  Stand  setzte,  jeden  Vorteil  zu  benutzen*),  sich  einbilden, ­
  daß  diejenigen,  welche  arm  bleiben,  dies  nur  dem  Mangel  dieser
Eigenschaften  beizumessen  habeü.
wer  jedoch  die  Gesetze  der  Güterverteilung,  wie  sie  in  den  vorhergehenden ­
  Kapiteln  entwickelt  wurden,  erfaßt  hat,  wird  den  Irrtum  dieser
Ansicht  einsehen.  Derselbe  ist  ähnlich  demjenigen,  welcher  in  der  Behauptung ­
  liegen  würde,  daß  jeder  bei  einem  lvettlauf  Beteiligte  gewinnen
müsse.  Daß  einer  gewinnen  muß,  ist  richtig;  daß  jeder  gewinnen
könne,  ist  unmöglich.
Denn  sobald  der  Grund  und  Boden  wert  erlangt,  so  hängt  der
Arbeitslohn,  wie  wir  gesehen  haben,  nicht  von  dem  wirklichen  Ertrage
oder  Produkte  der  Arbeit  ab,  sondern  von  dem,  was  der  Arbeit  bleibt,
nachdem  die  Grundrente  vorweg  genommen  ist;  sobald  der  Grund  und
Boden  vollständig  monopolisiert  ist,  wie  es  außer  in  den  neuesten  Ländern
überall  der  Fall,  muß  die  Rente  den  Lohn  auf  den  Punkt  drücken,  bei
welchem  die  ärmste  Klasse  gerade  noch  zu  leben  und  sich  fortzupflanzen
imstande  ist,  und  so  wird  der  Lohn  durch  das  Normalmaß  des  Auskommens
(stanclarck  ot  comtort),  d.  h.  durch  die  Summe  der  notwendigen  und
gewohnheitsmäßigen  Bedürfnisse,  welche  die  arbeitenden  Klassen  als
das  wenigste  beanspruchen,  um  sich  nsch  fortzupflanzen,  auf  ein  Minimum
festgestellt.  Daher  können  Fleiß,  Geschick,  Genügsamkeit  und  Intelligenz
dem  einzelnen  nur  so  weit  von  Nutzen  sein,  als  sie  sich  über  das  allgemeine ­
  Niveau  erheben  —  gerade  wie  in  einem  lvettlauf  die  Schnelligkeit ­
  dem  Laufenden  nur  insoweit  nutzt,  als  sie  diejenige  seiner  Mitbewerber
übertrifft.  Arbeitet  ein  Mann  mehr  oder  mit  höherem  Geschick  und
verstand  als  gewöhnlich,  so  wird  er  vorankommen;  erhebt  sich  aber  der
Durchschnitt  des  Fleißes,  der  Geschicklichkeit  und  Intelligenz  auf  denselben
Punkt,  so  wird  das  erhöhte  Leistungsvermögen  der  Arbeit  nur  den
früheren  Lohnsatz  erzielen,  und  wer  vorankommen  will,  muß  dann  noch
härter  arbeiten.
Lin  einzelner  mag  von  seinem  Lohn  Geld  ersparen,  wenn  er  so

*)  Um  nichts  von  der  größeren  Gewissenlosigkeit  zu  sagen,  die  oft  die  entscheidende
Eigenschaft  ist,  welche  einen  Millionär  aus  jemandem  macht,  der  sonst  ein  armer  Teufel
geblieben  wäre.
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