55
Die Rettung des Kurfürstlichen Archivs und des Kur
fürstlichen Vermögens in den Jahren 1806 und 1807.
Durch die politischen Ereignisse des Jahres 1806 wurde das
Verhältnis der Rothschild zum hessischen Fürstenhaus in noch
festere Bahnen geleitet. Wir haben schon gesehen, daß die Napo
leonische Politik im Jahre 1810 für die Weiterentwicklung der
Rothschildschen Handlung von bestimmendem Einfluß war. ln noch
stärkerem Maße hatte vier Jahre früher das Vorgehen Napoleons
gegen das Kurfürstentum Hessen in das Schicksal des Rothschildschen
Hauses eingegriffen, wenn auch nicht eigentlich im nachteiligen
Sinne. Denn die Vertreibung des Kurfürsten aus seinem Lande gab
den Rothschild Gelegenheit, Treue zu beweisen, und das brachte
ihnen festeres Vertrauen und Wachstum an Macht. Der indirekte
Kampf Napoleons gegen England muß auch hier wieder den Aus
gangspunkt unserer Betrachtung bilden.
Das hessische Fürstenhaus stand seit dem Anfang des 18. Jahr
hunderts in enger und vielumstrittener Verbindung mit dem Briti
schen Reich. Landgraf Karl (1677—1730), der eigentliche Schöpfer
der unvergleichlichen Parkanlagen von Wilhelmshöhe und der nach
ihm benannten Karlsaue bei Kassel, war der erste hessische Regent,
der ein stehendes Heer unterhielt, und, was später auch viele andere
deutsche Fürsten des 18. Jahrhunderts taten, seine Soldaten gegen
Geld fremden Mächten zur Verfügung stellte, so z. B. während des
Spanischen Erbfolgekrieges den Seemächten England und Holland.
Mit England wurde dieses Verhältnis auch unter den folgenden Land
grafen aufrecht erhalten und auf den Höhepunkt geführt durch Land
graf Friedrich II. im nordamerikanischen Freiheitskrieg (1775—1783).
Um diese Sache gerecht zu beurteilen, darf man folgendes
nicht außer Acht lassen. Die vom Landgrafen Karl vermieteten
Regimenter bestanden lediglich aus freiwillig geworbenen Söldnern.
Unter Friedrich 11. aber ergänzte sich das hessische Heer wesentlich
durch Aushebung nach Kantonen (Kurhess. Landesordn. 6, S. 57)
und nur teilweise durch Anwerbung. Die Aushebung betraf die niederen
Volksklassen, die Anwerbung erstreckte sich sowohl auf Inländer
wie auf Ausländer. Unter den Angeworbenen waren viele, die von
Wanderlust oder von der Lust an Kampf und Abenteuern getrieben
wurden; unter den Ausgehobenen waren viele, die nur gezwungen
mitgingen. Daß das Nationalbewußtsein der deutschen Fürsten so